9.7.2007

Durch praktische Modelle den Zusammenhalt der Generationen fördern

Podiumsdiskussion fragte „Platzt der Generationenvertrag?“



Diözesan-Caritasdirektor Gerhard Öhlein diskutierte auf dem Podium mit. Rechts neben ihm der Landesvorsitzende des Familienbundes der Katholiken, Prof. Dr. Johannes Schroeter.


Den Einführungsvortrag hielt Dr. Jürgen Borchert. Der Richter am Sozialgericht Darmstadt ist bekannt geworden, weil er das Bundesverfassungsgerichtsurteil zur Berücksichtigung der Erziehungsleistung in der Pflegeversicherung erwirkt hat.

„Unsere Zukunft liegt nicht in irgendwelchen finanzakrobatischen Kunststücken, sondern der Schlüssel für Frieden und Wohlstand liegt in unserer Nachwuchsgeneration“. konstatierte Dr. Jürgen Borchert, Richter am Sozialgericht Darmstadt, bei der Podiumsdiskussion „Platzt der Generationenvertrag? Alt und Jung in Freiheit und Verantwortung“. Die Veranstaltung in der Caritas-Zentrale Dr.-Philipp-Kröner-Haus hatten der Caritasverband für die Erzdiözese Bamberg, der Diözesanverband des Familienbundes der Katholiken und die Referate Familienpastoral und Seniorenpastoral des Erzbischöflichen Seelsorgeamtes im Rahmen der Bistumstage ausgerichtet.

In seinem Einführungsvortrag kritisierte Borchert, dass es kein Bewusstsein für die existenzielle Abhängigkeit der Alten von den Jungen mehr gebe. Durch die Versicherungsterminologie bei der Rente werde über diese Abhängigkeit hinweggetäuscht. Hinzu komme, dass die Alterslasten sozialisiert, die Kinderlasten jedoch privatisiert seien. „Ohne die Verantwortung füreinander kann die gesellschaftliche Basis niemals stabil sein. Der Generationenvertrag platzt. Aber es ist kein Platzen, sondern ein Auseinanderrieseln, da sich eine Kultur des organisierten Egoismus und der organisierten Unverantwortlichkeit etabliert hat“, lautete Borcherts Fazit.

Prof. Dr. Johannes Schroeter, der Landesvorsitzende des Familienbundes, bezweifelte, dass es je einen Generationenvertrag gegeben habe: „Wird das bisherige Prinzip nicht geändert, kollabiert ganz einfach die ganze Alterssicherung“. Das demographische  Problem, welches seinen Ursprung bereits im 19. Jahrhundert habe, sei zu lange Stiefkind der Politik gewesen.

Diözesan-Caritasdirektor Gerhard Öhlein forderte dagegen, es müsse an vielen Baustellen gearbeitet werden. Er stellte Projekte der Caritas vor, die dem Zusammenhalt und der Gerechtigkeit zwischen den Generationen dienen.

Öhlein erläuterte das Wohnmodell „In der Heimat wohnen – ein Leben lang“ von Caritas und Joseph-Stiftung. Es schaffe nicht nur Wohnraum, der dem Wunsch vieler Menschen nachkomme, auch im Alter, bei Pflegebedürftigkeit oder bei Behinderung ihr Leben zu Hause zu verbringen. Zur Unterstützung der pflegebedürftigen Mitbürger knüpfe es auch ein engmaschiges Netz, das neben professionellen Diensten der Caritas Nachbarschaftshilfe und ehrenamtliches Engagement einbinde. Die Leistungen der Caritas-Sozialstation sollen – anders als in Bayern bisher üblich –auch nach Bestimmungen des Sozialgesetzbuches XII abgerechnet werden. Diese sehen vor, dass Pflegebedürftige bei den Kommunen Kosten für Hilfen bei alltäglichen Verrichtungen wie Körperpflege, Ernährung und Hauswirtschaft geltend machen können. Dies komme die Sozialhaushalte wesentlich günstiger als die Unterbringung der Menschen, die Betreuungs- und Pflegebedarf haben, in Alten- oder Behindertenheimen.

Auf den steigenden Personalbedarf in der Altenpflege reagiere die Caritas, in dem sie zusätzliche Ausbildungsplätze in den Caritas-Sozialstationen schaffe. Da deren Finanzrahmen zu eng sei, werbe die Caritas dafür um Unterstützung durch Spenden.

Öhlein präsentierte sodann das Familiensozialprojekt „Katholische Kindertagesstätten auf dem Weg zum Familienstützpunkt“. Sein Ziel sei es, Eltern und Familien zu unterstützen und ihre Erziehungskompetenzen zu fördern. Außerdem wolle das Projekt die Begegnung zwischen Kindern und Senioren intensivieren. So plane der Kindergarten St. Johannes in Schlüsselfeld ein Seniorenbistro, Spiel- und Bildungsangebote durch Großeltern sowie Patenschaften von Senioren für Vorschulkinder.

Öhlein verwies ferner auf das Projekt „Leihgroßeltern“, bei den Senioren ehrenamtlich Kinder außerhalb der eigenen Familie betreuten. Auch die ehemalige Vizepräsidentin des Bayerischen Landtages, Anneliese Fischer aus Bayreuth, betonte die Bedeutung der Großeltern für die Qualität des Familienlebens. Alte Menschen wollten sich einbringen und am Gemeinschaftsleben partizipieren.

Einig waren sich die Experten, dass eine Neujustierung der Leistungserbringung und Leistungsverteilung dringend erforderlich sei. „Ein Land wie Deutschland mit einem Anteil von 30 % Kinderlosen müsste weltweit auch den höchsten Familienlastenausgleich haben. Der miserabelste überhaupt ist aber der Fall“, resümierte Borchert nüchtern.

Schroeter forderte eine Steigerung der Attraktivität der Elternschaft und eine gerechtere Behandlung der Eltern in den Sozialversicherungssystemen durch die Einführung eines Erziehungsgehalts.

Dem widersprach Borchert: Behebe man die Transferausbeutung, dann brauche man auch keine Anerkennung durch Erziehungsleistung. Borcherts Lösungsvorschlag sieht den Abzug des Unterhalts der Kinder von der Bemessungsgrundlage in der Sozialversicherung, die Rückzahlung der indirekten Steuerbelastung beim Kindesunterhalt durch eine Form des Kindergeldes und die Berücksichtigung der Kinder bei der Einkommenssteuer nicht nur mit dem Existenzminimum, sondern mit den Durchschnittkosten vor. Das Ergebnis sei kein Geschenk an die Familien, sondern nichts anderes als Gleichbehandlung im Abgabesystem.