7.7.2007

Große Wirkung gerade für kleinere Gemeinden auf dem Land

Bei einem Fachtag stellten Diözesan-Caritasverband und Joseph-Stiftung das Wohnmodell „In der Heimat wohnen“ Verantwortlichen aus Kommunen und Pfarreien vor


Anhand einer Karte des Erzbistums Bamberg verdeutlichten Irmgard Heckmann (links), Referentin für ambulante Kranken- und Altenhilfe beim Diözesan-Caritasverband, und Ursula Kukrecht von der Caritas-Sozialstation Nürnberg-Nord (rechts) das Netz der ambulanten Pflege. Die Landtagsabgeordenten Melanie Huml und Christa Steiger sowie die Bezirksrätin Ulrike Heucken (2.-4. v. links) nahmen Anregungen für die Politik mit.


Die Landtagsabgeordnete Melanie Huml, Mitglied in der Steuergruppe des Wohnmodells „In der Heimat wohnen“, ließ sich beim Fachtag von Helmar Fexer, Bereichsleiter Soziale Dienste beim Diözesan-Caritasverband, über den aktuellen Stand des Vorhabens informieren.

Wie kann ich im Alter auch bei zunehmender Pflegebedürftigkeit in meiner gewohnten Umgebung wohnen bleiben? Auf diesen verbreiteten Wunsch antwortet das innovative Wohnmodell „In der Heimat wohnen – ein Leben lang! Sicher und selbstbestimmt“ des Caritasverbandes für die Erzdiözese Bamberg und des kirchlichen Wohnungsunternehmens Joseph- Stiftung. Rund 80 Interessierte aus der Politik, den Kommunen und den Pfarreien der Erzdiözese Bamberg informierten sich über dieses neuartige Modell bei einem Fachtag „In der Heimat wohnen“ in Bamberg am Freitag, dem ersten der Bistumstage zum 1000-jährigen Diözesanjubiläum.

„Wir müssen eine extreme Spreizung der sozioökonomischen und demographischen Standortbedingungen der Städte und Landkreise in der Erzdiözese Bamberg feststellen – mit einem großen Ungleichgewicht zwischen dem boomenden Süden und dem strukturschwachen Norden“, fasste Helmar Fexer, Bereichsleiter Soziale Dienste beim Diözesan-Caritasverband und einer der Projektleiter des Wohnmodells, die Ergebnisse einer Studie zusammen. Diese Entwicklung habe eine Wanderungsbewegung der arbeitenden Bevölkerung in den südlichen Ballungsraum der Erzdiözese und weit darüber hinaus in den Münchner Raum zur Folge. Zurück bleibe die ältere Bevölkerung. Dringend notwendig seien daher neue Wohn- und Lebensformen für ältere und andere unterstützungsbedürftige Personen.

Genau hier setzt das Projekt „In der Heimat wohnen“ an, indem es Selbständigkeit fördert und gleichzeitig Betreuung im Bedarfsfall wohnortnah gewährleistet. Die Schaffung von barrierefreiem Wohnraum durch Um- oder Neubau erlaubt älteren und unterstützungsbedürftigen Menschen, eigenständig ihr Leben in vertrauter Umgebung zu führen. Das Modell bietet Mietwohnungen zu ortsüblichen Preisen an, wodurch keine Einkommensschichten ausgeschlossen werden, und verzichtet auf eine Betreuungspauschale. Ein „Hauscafé“ fungiert als sozialer Treffpunkt. Ein Caritas-Stützpunkt in unmittelbarer Nähe ist rund um die Uhr erreichbar ist. Er koordiniert Hilfen und ehrenamtliche Aktivitäten. Gegenwärtig sind 7 Projektstandorte innerhalb der Erzdiözese Bamberg in der Planung oder Umsetzung. „Das Spektrum reicht von kleineren Wohneinheiten mit fünf Wohnungen wie in der Gemeinde Hallerndorf bis hin zu Wohnanlagen mit 27 Einheiten in der Stadt Nürnberg“, berichtete Dr. Klemens Deinzer, Vorstand der Joseph-Stiftung und Projektleiter von „In der Heimat wohnen“.

Die zukünftige Bedeutung der lokalen Infrastruktur hob auch die Leiterin der Koordinationsstelle „Wohnen zu Hause“, Sabine Wenng, hervor. Sie präsentierte die Ergebnisse der im Auftrag des bayrischen Sozialministeriums durchgeführten Studie „Kommunale Altenhilfekonzepte für kleinere Gemeinden“. Die Expertin untersuchte in sieben Modellgemeinden – darunter die in der Erzdiözese Bamberg liegende Gemeinde Stegaurach – die Lebens- und Wohnsituation von älteren Menschen, sowie die Bedarfe und Ressourcen. „Der Wunsch, im eigenen Haus alt werden zu können, und die Verwurzelung in der Heimatgemeinde hätten in den kleinen Gemeinden im ländlichen Raum noch einmal ein besonderes Gewicht“, betonte die Expertin. Allerdings bestehe bei vielen Bürgern noch ein erhebliches Informations- und Aufklärungspotential hinsichtlich der barrierefreien Gestaltungsmöglichkeiten der eigenen vier Wände. Darüber hinaus sei für den ländlichen Raum eine tendenzielle infrastrukturelle Unterversorgung typisch, die durch die geographische Zersplitterung der Ortsteile und einen unzureichenden öffentlichen Nahverkehr verstärkt werde.

Siegfried Stengel, der Bürgermeister der Gemeinde Stegaurach, berichtete in den am Nachmittag stattfindenden Fokusgesprächen in Kleingruppen über die große Wirkung kleiner Veränderungen. In seiner Gemeinde habe das Aufstellen von Ruhebänken auf dem Weg zum Friedhof und die Vergrößerung der Schrift im Amtsblatt ein deutliches Plus an Lebensqualität für ältere Gemeindemitglieder gebracht. Stengel und Wenng waren sich einig, dass das hohe ehrenamtliche Engagement in den Gemeinden eine zentrale Ressource für Altenhilfekonzepte im ländlichen Raum darstellt.

Im Abschlussplenum stellten sich die beiden Landtagsabgeordneten Melanie Huml (CSU) und Christa Steiger (SPD) sowie die Stadt- und Bezirksrätin Ulrike Heucken (Grüne) den Forderungen, Anregungen und Wünschen aus den Fokusgesprächen. Dazu gehörten neben der langfristigen und gesicherten Ehrenamtsförderung eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit und Aufklärung über die bereits bestehenden Leistungen der Sozialstationen. Bei den Förderquellen für altersgerechte Wohnungsanpassung seien Bürokratieabbau und mehr Transparenz dringend notwendig. Für Wohngruppen als dritte Form zwischen stationärer und ambulanter Pflege bedürfe es neuer Regelungen, da diese Wohnformen, würden sie dem Heimgesetz unterworfen, vor dem Aus stünden. Klemens Deinzer appellierte an die Politik, „dass zukünftig alle Förderprogramme und Verordnungen dezentralen und ambulanten Versorgungsangeboten und Wohnprojekten den Vorrang geben müssen vor überregionalen und zentralen“.

Seit dem Fachtag ist das Projekt „In der Heimat wohnen“ mit einem eigenen Internetauftritt präsent. Unter www.in-der-heimat.de können sich Interessenten rund um das innovative Angebot informieren.