21. November 2006

Lehrreicher Rollentausch von Politikern


Bei der Caritas-Sozialstation in Hof trat Stadträtin Heidemarie Schwärzel ihren Dienst an. So half sie der Patientin Anna Fischer beim An- und Auskleiden, Waschen und Kämmen.
Foto: Petra Bergmann

Einen „Rollentausch“ vollzogen zwischen dem 9. und 16. Oktober rund 400 Politikerinnen und Politiker in Bayern. Für einige Stunden gingen sie in soziale Einrichtungen und hörten nicht nur, sondern langten auch zu.

„Unser Ziel war es, die Notwendigkeit und den Nutzen sozialer Arbeit und Pflege für Politikerinnen und Politiker direkt erlebbar und nachvollziehbar zu machen. Denn schließlich müssen gerade sie oft Entscheidungen fällen, die Menschen in Not unmittelbar berühren“, benennt die Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Wohlfahrtspflege in Bayern (LAGFW), Maria Boge-Diecker, den Sinn der Aktion. Nach den Aussagen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Einrichtungen sei dies auch gelungen. Viele Gäste hätten sich bereits zurückgemeldet und ihre Bereitschaft bekundet, wieder einmal soziale Einrichtungen nicht nur zu Sommerfesten oder bei Jubiläen zu besuchen, sondern zumindest für ein paar Stunden im Rahmen des Möglichen mitzuarbeiten.

Eingeladen hatten über 300 Einrichtungen: Kindergärten, Beratungsstellen, ambulante Pflegedienste, Behinderteneinrichtungen und Pflegeheime. Gekommen waren Mandatsträger aller Ebenen vom Gemeinderat über den Bezirkstag und Landtag bis zum Bundestag.

In Hof ging Oberbürgermeister Dr. Harald Fichtner mit einer Schwester der Caritas-Sozialstation auf Tour. Er erlebte hautnah, wie straff der Zeitplan in der ambulanten Pflege ist, dass allzu lange Gespräche mit dem Patienten nicht möglich sind. „Seit 2002 hat es bei der Pflegeversicherung einen Perspektivenwechsel gegeben,“ erläutert Hofs Caritas-Geschäftsführer Walter Pretsch. „Der Zeitdruck steigt, wir arbeiten sozusagen im Minutentakt.“ Da musste auch der Oberbürgermeister früh um 6.30 Uhr auf der Matte stehen und selbst aktiv werden: Patienten beim Duschen helfen, Gummistrümpfe anlegen und Essen eingeben. Dem Engagement und der Einsatzfreude der Caritas-Mitarbeiter zollt er Respekt und sagt: „Ich finde es faszinierend, mit welcher Freude die Patienten ihre Pfleger und Schwestern erwarten.“

Auch in Rothenburg ob der Tauber assitierte der Oberbürgermeister einer Schwester der Caritas-Sozialstation. Dabei profitierte Walter Hartl davon, dass er seinen Zivildienst einst in einem Pflegeheim ableistete und ausgebildeter Rettungssanitäter ist. „Es war lehrreich,“ zog er am Ende ein Resümee. „Ich weiß wohl, was an psychischer Belastung auf die Mitarbeiter zukommt.“

In Ansbach besuchten die Vorsitzenden der Stadtratsfraktionen von SPD und CSU, Helga Koch und Otto Schaudig, die Sammelunterkunft für Asylbewerber. Deren Bewohner betreut die Sozialpädagogin Steffi Schaub im Auftrag der Caritas. Sie machte den beiden Stadträten deutlich, dass für abgelehnte Asylbewerber, die nicht abgeschoben werden können, dringend eine politische Lösung zu finden sei. Diese Geduldeten dürften nicht arbeiten, erhielten kein Taschengeld, sondern nur Essenspakete. Viele – vor allem Männer zwischen 20 und 40 Jahren – resignierten und verlören den Lebensmut.