3. Juni 2005

Altersmediziner Prof. Cornel Sieber sprach über Auswirkungen des demographischen Wandels auf die Caritas 


Der Erste Vorsitzende des Caritasverbandes Nürnberg Theo Kellerer (rechts) begrüßte zum Abschluss einer öffentlichen Diskussionsreihe im Caritas-Pirckheimer-Haus Prof. Cornel Sieber. Aus der Sicht der Altersmedizin thematisierte der Geriater die Herausforderungen und Fragestellungen, die sich aus einer alternden Gesellschaft ergeben.
Foto: Sauerbeck

Die demographische Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland stelle die Medizin, die Sozialsysteme und die Wohlfahrtspflege vor riesige Herausforderungen. Angesichts einer alternden Gesellschaft müsse auch die Caritas ihre Arbeitsfelder umstrukturieren, meinte der Altersmediziner Prof. Cornel Sieber in Nürnberg.

Fünf Senioren- und Pflegeheime, eine Tagespflege und eine Berufsfachschule für Altenpflege gibt es unter dem Dach des Caritasverbandes Nürnberg. Im vergangenen Jahr sollte der erste Spatenstich für das Modellprojekt St. Willibald erfolgen, ein innovatives Altenhilfezentrum mit Langzeit-, Kurzzeit- und Tagespflege, Altenpflegeschule und Hospiz. Doch die Bayerische Staatsregierung hat bislang noch keine  Investitionsförderung erteilt. Ein Staat, der sich große Fußballarenen leiste, sollte auch etwas für den alten Menschen übrig haben, merkte der Erste Vorsitzende des Caritasverbandes Nürnberg Theo  Kellerer daher in seiner Begrüßung kritisch an.

Anlässlich seines 100-jährigen Bestehens veranstaltete der Caritasverband in Kooperation mit der Diözesanakademie eine Gesprächsreihe zu aktuellen Herausforderungen für Caritas, Kirche und Staat. Zu Gast waren bereits Bundesfamilienministerin Renate Schmidt und der Leiter des Katholischen Büros Bayern Valentin Doering. 

Mit Prof. Cornel Sieber konnte zum Abschluss der Diskussionsrunde ein ausgewiesener Experte der Altersmedizin und -wissenschaft gewonnen werden. Der Ordinarius für Innere Medizin V (Gerontologie) am Klinikum Nürnberg-Nord leitet unter anderem das Institut für Biomedizin des Alterns der Universität Erlangen-Nürnberg und ist im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie tätig. In seinem Vortrag zum Thema "Der alte Mensch im Brennpunkt der Gesundheitsversorgung" erläuterte Sieber den demographischen Wandel und skizzierte Auswirkungen einer immer älter werdenden Gesellschaft auf die Gesundheitsversorgung und Pflege.

Eine 65-jährige Frau habe heute noch 21 Jahre vor sich. Und Mädchen, die jetzt geboren würden, hätten die 50-prozentige Chance 100 Jahre alt zu werden. Im Jahre 2050 zählten, so die Voraussage der Demographen, bereits 28,4 Prozent der deutschen Bevölkerung zur Altersgruppe der über 65-Jährigen. Der Umstand, dass Bücher wie das Werk "Das Methusalem-Komplott" des FAZ-Herausgebers Frank Schirrmacher Bestseller-Plätze erreichten, sei ein Indiz für das hohe Interesse am Problemkreis "alternde Gesellschaft". Und ein politisches Magazin habe jüngst mit der Titelgeschichte "Wohin mit Oma?" Pflegemodelle im Alter thematisiert.

"Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft, es ist eine Illusion zu glauben, dass es im Alter nur zwei Konzepte geben kann", sprach sich Sieber für vielfältige Lebensformen für den alten Menschen aus. Die Alters-WG sei auch nicht für alle die optimale Lösung, er könne sich durchaus vorstellen, dass so mancher aus der 68-er-Generation von Wohngemeinschaften die Nase voll habe.

Für Sieber beginnt die Altersmedizin im eigentlichen Sinne erst ab 75. Kennzeichnend für den gebrechlichen alten Menschen seien die vier „I’s“: Immobilität, Instabilität, Inkontinenz und intellektuelle Probleme wie Demenzerkrankungen. Gerade Papst Johannes Paul II. habe mit den Auftritten in seinen letzten Lebensjahren und -tagen die Beschwernisse des Alters ins öffentliche Bewusstsein gehoben und zu einem Thema gemacht. Die Frage, ob Bilder des schwer leidenden Pontifex veröffentlicht werden sollten, sei auch unter den Geriatern diskutiert worden, teilte Sieber mit. „Ich fand es gut, dass sie gezeigt wurden.“

Zur Gebrechlichkeit des Alters kämen in vielen Fällen Isolation und Vereinsamung hinzu. Gerade die Zunahme von Singlehaushalten in Großstädten - in Frankfurt machten diese bereits die Hälfte aller Haushalte aus - stellten die ambulanten Dienste vor große Aufgaben. „Sie haben einen sozialen Auftrag“, unterstrich Sieber. Auch die Altersarmut von Frauen bezeichnete er als ein großes Problem.

Scharf kritisierte Sieber Tendenzen, das Alter unter dem Kostenfaktor abzuhandeln. Widerspruch sei gefordert, wenn junge Politiker Menschen ab 75 kein künstliches Hüftgelenk mehr zugestehen wollten. Als klinisch tätiger Geriater hinterfrage er auch  den Umgang mit alten Menschen im stationären Bereich: Wenig förderlich sei es zum Beispiel, hochbetagte Patienten am Freitag mit einer ganzen Verordnungsliste an Medikamenten aus dem Krankenhaus zu entlassen.

Der Altersmediziner, der eine aktive Sterbehilfe strikt ablehnt, sprach sich für einen Ausbau der Palliativmedizin aus und riet zur Vorsorge mittels Patientenverfügungen. Rechtzeitig solle man eine Willenserklärung abgeben und festhalten, ob man im Sterbeprozess bestimmte medizinische Maßnahmen noch wünsche oder nicht. Dies sei auch "eine Frage der Nächstenliebe", denn damit könne man dem Ehepartner ein ethisches Dilemma ersparen. Er setze sich beispielsweise in dem von ihm geleiteten Ethikforum am Klinikum-Nord dafür ein, dass die Ärzte die Patientenverfügungen beachteten.