25. Februar 2005

Familienministerin Renate Schmidt zu Gast bei der Caritas

"Kinder müssen in unserer Gesellschaft willkommen sein"


Familienfreundliche Strukturen will Renate Schmidt schaffen. Im Caritas-Pirckheimer-Haus in Nürnberg sprach sie vor fast 200 Zuhörern. Mit der Familienministerin eröffnete der Caritasverband Nürnberg im Jubiläumsjahr eine Gesprächsreihe zu aktuellen gesellschaftspolitischen Themen.
Foto: Sauerbeck

Zwei Tage nachdem der nationale Aktionsplan "Für ein kindergerechtes Deutschland" vom Bundeskabinett beschlossen worden war, formulierte Renate Schmidt in Nürnberg das Ziel, das sie als Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend verfolgt: bis zum Jahr 2010 soll die Bundesrepublik eine der kinderfreundlichsten Gesellschaften werden.

Mit dem Ausbau der Infrastruktur, sei es Hort oder Tagesmutter-System, will sie Anreize dafür schaffen, dass Paare sich ihren Kinderwunsch erfüllen. Familienzentren mit niedrigschwelligen Angeboten sind für sie eine Möglichkeit, Eltern Erziehungskompetenz zu vermitteln. Ganztagsschulen sollen mehr Chancengerechtigkeit bringen und staatliche Leistungen wie Kinderzuschlag Familien unterstützen.

Eine "Allianz für die Familie" auf Bundesebene und lokale Bündnisse für Familie, wie das bereits seit vier Jahren in Nürnberg bestehende Netzwerk, sollen mithelfen, familienfreundliche Strukturen zu schaffen.  "Wir müssen dafür sorgen, dass Kinder in unserer Gesellschaft willkommen sind." Dafür suche sie den Schulterschluss mit der Wirtschaft und den Kirchen. 

Die SPD-Politikerin sprach im Caritas-Pirckheimer-Haus über "Ziele und Aufgaben einer nachhaltigen Familienpolitik" und folgte damit einer Einladung des Caritasverbandes Nürnberg zu dessen 100-jährigem Bestehen. Im Jubiläumsjahr thematisiert die Caritas aktuelle Herausforderungen für Gesellschaft, Kirche und Staat. Die "Familie" stand, wie Caritasdirektor Roland Werber betonte, bewusst am Anfang. 

Die Situationsbeschreibung ist hinlänglich bekannt: Die Bundesrepublik hat die niedrigste Geburtenrate in der Europäischen Union und ist, weltweit gesehen, das Land mit der höchsten Kinderlosigkeit. Familienpolitik sei kein "weiches Weiberthema" mehr, meinte die Familienministerin. Vielmehr gehe es hier um ein zentrales Thema der Gesellschaftspolitik. Die Deutschen bräuchten Kinder, durch Zuwanderung seien die Probleme einer überalterten Gesellschaft nicht zu lösen.

Dabei, so führte Schmidt an, würden in Umfragen 96 Prozent der Interviewten angeben, dass ihnen Familie wichtig sei. Wenn nun aber Familie gemeinhin eine so hohe Wertschätzung genießt, warum ist die Situation dann so, wie sie ist? Für Bundesministerin Schmidt liegen die Gründe auf der Hand. "Welches Lebensmodell bieten wir denn der bestausgebildeten Frauengeneration an?" fragte sie. Ausstieg aus dem Beruf - denn schließlich seien hierzulande die Mütter für den Erfolg ihrer Kinder verantwortlich -  dann, wenn die Sprösslinge in die Pubertät kämen, der Versuch der "Wiedereingliederung" in das Erwerbsleben, meist "unter Niveau". "Viele Frauen haben dieses Modell satt", bilanzierte Schmidt.

Ideologische Diskussionen über die rechte Frauen- und Mutterrolle seien "überflüssig wie ein Kropf": Heimchen am Herd versus Rabenmutter. Solche Debatten führten in Sackgassen. Politik dürfe niemals Lebensentwürfe vorschreiben. Nicht zuletzt fehlten in der Bundesrepublik Infrastrukturen nach französischem oder skandinavischem Vorbild, die es den Frauen ermöglichten, Berufs- und Familienleben besser zu vereinbaren. "Bei uns haben kinderlose Paare Angst, ihren Beruf zu verlieren."

Auf Nachfrage von Hartmut Voigt, der die Diskussion moderierte, räumte Schmidt ein, dass die Formulare für den "Kinderzuschlag", den geringverdienende Eltern seit 1. Januar beantragen können, zu kompliziert seien. Die Bestimmungen würden überprüft und nachgebessert.

Immer mehr Eltern wären heute nicht mehr in der Lage, ihre Erziehungsleistung zu erbringen, benannte die Ministerin ein brennendes Problem. "Die Caritas weiß das." Frühe Betreuung und Ganztagsschulen will sie daher nicht als "Pflichtprogramm" propagieren, sondern als unterstützende Angebote für Familien, in denen selbst "die einfachsten Dinge" wie Kochen und gemeinsame Mahlzeiten nicht mehr vorkämen. Sie setze sich daher auch für den Erhalt der Kostenfreiheit in der Erziehungsberatung ein, antwortete sie dem Leiter der Caritas-Beratungsstelle Wolfgang Oslislo.

Kinder seien kein "Risiko" und keine "Last", machte sich die dreifache Mutter und vierfache Großmutter abschließend vor ihren fast 200 Zuhörern für Kinder stark. "Sie sind an erster Stelle Freude, Lebensglück und Lebenslust."       

Die Gesprächsreihe des Caritasverbandes Nürnberg anlässlich seines 100-jährigen Bestehens wird am Mittwoch, 6. April, 19.30 Uhr fortgesetzt. Dr. Valentin Doering, Leiter des Katholischen Büros Bayern, spricht über "Caritas im Umbruch von Kirche und Gesellschaft".

Am Mittwoch, 1. Juni, um 19.30 Uhr geht der Gerontologe Prof. Dr. med. Cornel Sieber, Universität Erlangen-Nürnberg, auf die Herausforderung der demographischen Entwicklung in Deutschland ein.

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