19. Oktober 2004

Caritas in Jerusalem und Hof

Gemeinschaftstag nahm kirchliche Sozialarbeit in unterschiedlichen Verhältnissen in den Blick


Claudette Habesh, Generalsekretärin von Caritas Jerusalem, bei ihrem Vortrag vor Caritas-Mitarbeitern aus der gesamten Erzdiözese in der Brauerei Meinel

Einen Blick auf Caritas-Arbeit, die unter ganz anderen Bedingungen geschieht, warfen die Teilnehmer des Caritas-Gemeinschaftstages in Hof. Gast der Veranstaltung, zu der haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Caritas aus der gesamten Erzdiözese kamen, war Claudette Habesh, Generalsekretärin von Caritas Jerusalem und Caritas-Präsidentin für den Nahen Osten und Nordafrika. Caritas Jerusalem wurde 1967 nach dem Sechs-Tage-Krieg gegründet, um der Not der Palästinenser in den israelisch besetzten Gebieten Westjordanland und Gaza-Streifen zu begegnen. So gäbe es, wie Habesh berichtete, in den Palästinensergebieten ohne die Caritas keine medizinische Versorgung. Mit Beratungszentren und Präventionsprogrammen reagiert die Caritas auf die wachsende Drogensucht unter Jugendlichen. Gleichzeitig verschafft sie den jungen Menschen Ausbildungsplätze, indem sie für vier Monate den Lohn bezahlt in der Hoffnung, dass der jeweilige Arbeitgeber die Auszubildenden danach weiterbeschäftigt. Eine für deutsche Verhältnisse ganz ungewohnte Aufgabe besteht in der Vergabe von Kleinkrediten an Menschen, die keinen Zugang zu den Banken bekommen. Immer mehr Palästinenser benötigen die Unterstützung der Caritas. Im Westjordanland verfügen 45 % der Bevölkerung über ein Einkommen von weniger als 2 US-Dollar am Tag, im Gaza-Streifen müssen 70 % mit nicht einmal einem Dollar täglich auskommen.

Von nicht gerade rosigen Lebensbedingungen berichteten aber auch die Mitarbeiter der Caritas Hof. Mit 10,6 % ist die Arbeitslosigkeit in Stadt und Landkreis Hof die höchste in Bayern. Trotzdem pendeln täglich 3060 Arbeitnehmer aus den neuen Bundesländern und 600 aus Wunsiedel nach Hof. Drastisch gesunken ist die Zahl der Ausbildungsplätze: Kamen vor zwei Jahren noch 102 Lehrstellen auf 100 Bewerber, so sind es jetzt nur noch 55. Daher sind viele Einheimische in strukturstärkere Gegenden weggezogen. Folge ist eine starke Überalterung. 21 % der Einwohner von Stadt und Landkreis sind älter als 65 Jahre. Viele alte Menschen leben daher allein. Die Krankenschwestern und -pfleger der Sozialstationen sind für sie häufig die einzigen Kontaktpersonen.

In einem Gottesdienst in der Marienkirche rief Weihbischof Werner Radspieler, 1. Vorsitzender des Diözesan-Caritasverbandes die Christen dazu auf, die falschen Götter wie Produktion, Profit, Leistung oder Prestige zu entlarven. Sie ließen den Menschen fallen, sobald er nicht funktionstüchtig sei. Der wahre Gott liebe den ganzen Menschen – „auch wenn die Fabrik schließt“. Allerdings müsse diese Botschaft des christlichen Glaubens einem Arbeitslosen nicht unbedingt weiterhelfen, räumte Radspieler sein. „Das bringt mir auch nichts,“ könne die Antwort lauten. Der Weihbischof warnte daher vor billigem Trost und gab zu, er könne sich in einen Arbeitslosen nicht wirklich hineinversetzen. Stattdessen wünschte er den Christen die Kraft, die Spannung zwischen Glauben und Realität auszuhalten.

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