Caritas Bamberg - Pressemitteilung vom 26. Februar 2004

26. Februar 2004

Alkoholkranke in der Warteschleife – Caritas und Stadtmission schlagen Alarm

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht die prekäre Finanzlage von Staat, Kommune oder Kirche für Schlagzeilen sorgt und immer neue Sparpläne gerade im Sozialbereich Proteste hervorrufen. Welche fatalen Auswirkungen ein Sparbeschluss haben kann, zeigt sich jetzt bei der Suchtberatung für Alkoholkranke in Nürnberg.

Die Familienbezogene Suchtberatung der Stadt Nürnberg mit 2,75 vom Bezirk Mittelfranken geförderten Planstellen wurde im vergangenen Herbst aus "Einsparungsgründen" geschlossen. Drei freie Träger von etablierten Suchtberatungsstellen in Nürnberg - Caritas, Stadtmission und Lilith - erklärten sich bereit, die Klientinnen und Klienten der städtischen Stelle zu übernehmen. Sie sicherten auch zu, die fälligen Eigenanteile in Höhe von zehn bis 20 Prozent zu tragen. Doch der Bezirk Mittelfranken hat eine Entscheidung über eine Personalumverteilung erst einmal bis zu den Haushaltsberatungen Ende März zurückgestellt.

Befürchtet wird, dass der Bezirk die städtische Sparpolitik zum Anlass nimmt, seine Förderung zurückzufahren und die 2,75 Planstellen zu streichen. "Eine Reduktion an Fachpersonal an dieser Stelle und in diesem Ausmaß wäre eine große Belastung für alle Hilfesuchenden und ihr soziales Umfeld", warnte der Suchtbeauftragte der Stadt Nürnberg, Georg Hopfengärtner, vor Pressevertretern.

Die Folgen sind schon jetzt dramatisch: 57 Menschen in der Warteliste und Wartezeiten von bis zu 16 Wochen verzeichnet die Psychosoziale Beratungs- und Behandlungsstelle für Suchtkranke beim Caritasverband Nürnberg. "Der damit verzögerte Ausstieg aus der Sucht kann zu erheblichen Konsequenzen, wie zum Beispiel zum Verlust des Arbeitsplatzes führen", sagte Stellenleiter Wilfried Langguth. So müsse ein berufstätiger Familienvater seit Mitte Dezember auf einen Beratungstermin warten.

Im Interesse ihrer Klientinnen und Klienten schlugen die Caritas-Beratungsstelle, das Suchthilfezentrum der Stadtmission Nürnberg und die Frauenberatungsstelle für Drogenproblematik von Lilith e.V. Alarm. Gemeinsam mit dem städtischen Suchtbeauftragten suchten sie das Gespräch mit dem Bezirkstagspräsidenten Richard Bartsch und Mitgliedern des Sozialausschusses des Bezirks Mittelfranken.

40 Millionen Euro fehlen im Bezirkshaushalt, teilte Bartsch bei dem Meinungsaustausch in der Nürnberger Caritas-Zentrale mit. "Bevor es bei uns zu Entlassungen kommt, müssen wir Projekte auf den Prüfstand stellen, die noch gar nicht laufen." Der Bezirkstagspräsident verlas auch einen Brief von Oberbürgermeister Ulrich Maly. Darin hatte das Nürnberger Stadtoberhaupt den Bezirk zu einem strikten Sparkurs aufgefordert.

In Nürnberg sind weit über 25.000 Menschen alkoholkrank, heißt es in einer Untersuchung der Evangelischen Fachhochschule. Ein großer Bedarf an professioneller ambulanter Beratung und Therapie sei also vorhanden, legte Michaela Scheindel-Roth, die Leiterin des Suchthilfezentrums der Stadtmission dar. 

Die Suchtberatungsstellen von Stadtmission und Caritas haben im vergangenen Jahr über 1200 Männer und Frauen beraten, vermittelt und längerfristig begleitet. Seit Schließung der städtischen Stelle im Oktober 2003 kommen "wöchentlich allein auf eine Beratungsstelle zehn neue Klienten zu".

In vielen Fällen, darauf machten die Vertreter der Beratungsstellen auch aufmerksam, könnten zeitnah angebotene ambulante Maßnahmen stationäre Behandlungen verhindern und enorme Folgekosten sparen.  Ein Abbau von Beratungskapazitäten gerade im Bereich der “vergessenen Mehrheit” der Suchtkranken sei verhängnisvoll.

"Kinder aus Suchtfamilien, die wir heute nicht erreichen, sind unsere suchtmittelabhängigen Klientinnen und Klienten von morgen", betonte Daniela Dahm, Geschäftsführerin von Lilith. Der "Verein zur Unterstützung von Frauen mit Drogenproblematik", der Mitglied im Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband ist, geht für Nürnberg von über 1.500 drogenabhängigen und über 10.000 alkoholabhängigen Frauen aus. Tendenz steigend. In Zukunft will Lilith verstärkt Mütter mit Alkoholproblemen beraten und begleiten.

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