Caritas Bamberg - Pressemitteilung vom 13. März 2003

13. März 2003



Erzbischof
Prof. Dr. Ludwig Schick

Radio-Ansprache von Erzbischof Prof. Dr. Ludwig Schick
zum Caritassonntag am 16. März 2003

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer!

Die jüdischen Weisheitslehrer, die Chassidim, erzählen folgende Geschichte:
Der Sassower Rabbi berichtete seinen Schülern: „Wie wir in Wahrheit unseren Nächsten lieben sollen, habe ich aus der Unterhaltung zweier Bauern gelernt, die ich zufällig mit anhörte. In schweigsamer Runde hockten sie mit anderen in der Schenke beim Wein, bis der eine, sichtlich bewegt, schließlich seinen Nebenmann anredete: <Du, Iwan, sag mir: Liebst du mich?> Der andere antwortete: <Ja, ich liebe dich sehr.> Darauf der Erste: <Dann weißt du ja wohl, worunter ich leide>. Und wieder der Zweite: <Aber ich bitte dich, woher soll ich wissen, worunter du leidest?> Darauf abermals der Erste: <Du behauptest, du liebst mich - doch worunter ich leide, das weißt du nicht? Du würdest es wissen, wenn du mich tatsächlich liebtest.> Und beide versanken wieder ins Schweigen. Mir aber wurde klar, was eigentliche Menschenliebe ist. Die Nöte deines Nächsten zu fassen - und in dich aufzunehmen, worunter er leidet.

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer! „Not sehen und handeln. Caritas“. Unter diesem Thema werden in diesem Jahr die Sammlungen der Caritas durchgeführt. Heute beginnt die Frühjahrssammlung. Ich möchte Sie bitten, den Ihnen möglichen Beitrag für die Caritas in Ihrer Pfarrei und in Ihrer Diözese zu spenden.

Doch das ist nur ein Anliegen, mit dem ich mich heute morgen an Sie wenden möchte. Caritas ist mehr als die gemeinnützige Organisation, die in Deutschland und weltweit viele Dienstleistungen für hilfsbedürftige Menschen bereit hält und anbietet. Caritas als hilfsbereite Aufmerksamkeit und tatkräftiges Zupacken, wo immer sich jemand in einer Notlage befindet, ist von jedem Christen direkt gefordert. „Not sehen und handeln. Caritas“ muss eine Grundhaltung von uns allen sein. Darauf möchte ich Sie heute morgen vor allem aufmerksam machen. Der christliche Glaube muss in der Liebe wirksam werden. Im Brief an die Galater mahnt der hl. Paulus: „Denn in Christus Jesus kommt es ... darauf an ..., den Glauben zu haben, der in der Liebe wirksam wird“ (Gal 5,6). Im Jakobusbrief steht das klare Wort: „Denn wie der Körper ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube tot ohne Werke“ (Jak 2,26).

Eigentlich sind wir Christen uns dessen schon bewusst, dass Glaube ohne Liebe kein wirklicher christlicher Glaube ist. Wer sich nicht für den anderen einsetzt, kann sich nicht Christ nennen. Und eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts. Wir führen auch oft die Worte Liebe und Caritas im Mund. Trotzdem gibt es viele Mitmenschen unter uns, die keine Hilfe erfahren, wenn sie sie brauchen. Nicht selten bleibt Not versteckt und unerkannt, auch in unserer direkten Nachbarschaft. Viele Menschen – weltweit und in unserer Umgebung – sind materiell und geistig bedürftig und erfahren dennoch keine Hilfe. Auch wir Christen sehen manche Not nicht und handeln nicht. Die Caritas greift nicht. Woran liegt das? Dafür kann man sicher viele Gründe nennen. Es gibt die Egozentrik, die nur sich sieht, und den bewussten Egoismus, der nur für sich rafft. Es gibt, sobald irgendeine Not sichtbar wird, das bewusste Wegschauen, um ja nicht helfen zu müssen. Es gibt das absichtliche Schließen der Augen, um Not nicht zu sehen, und das Verschränken der Arme sowie das Beschleunigen der Füße, um nicht handeln zu müssen.

Ein anderer wichtiger Grund, der tagtäglich verhindert, dass Menschen geholfen wird, ist die Unachtsamkeit. Wir nehmen nicht wahr, was den anderen bedrückt, was im anderen vorgeht, was ihm not tut. Wir sagen sogar wie der Freund, von dem der Sassower Rabbi berichtet: „Ich liebe dich sehr“, und wir spüren doch nicht, worunter der andere leidet.

„Mir aber wurde klar, was eigentliche Menschenliebe ist: die Nöte deines Nächsten zu fassen - und in dich aufzunehmen, worunter er leidet.“ Das geschieht bei uns zu wenig, und deshalb bleiben viele Menschen in ihrer Not allein.

In unserer schnelllebigen und dadurch oberflächlichen Zeit und Welt müssen wir lernen, die Nöte des Nächsten zu fassen und in uns aufzunehmen, worunter er leidet. Der weltbekannte Psychologe Erich Fromm hat ein Buch über „Die Kunst des Liebens“ geschrieben. Er macht darauf aufmerksam, dass wir sowohl die Liebe zum Ehepartner als auch die Nächstenliebe lernen müssen. Sie fallen uns nicht in den Schoß, in unserer Zeit schon gar nicht. Nur wer sich diesem Lernprozess unterzieht, kann zum Liebenden werden. Er sieht dann die Not in seiner Nachbarschaft und überall, und er handelt, wo und wie er helfen kann.

„Not sehen und handeln. Caritas“. Lassen Sie mich ein wenig konkreter werden und einige Beispiele nennen: Es gibt bei uns die Not der Alleinerziehenden, die oft ganz allein stehen und mit ihren Kindern, mit ihrem Beruf oder noch schlimmer ohne Arbeit mit ihrer Sozialhilfe und mit ihrem Leben insgesamt fertig werden müssen. Ihre Not wahr zu nehmen, dafür braucht es einen wachen Blick. Wer sie sieht, kann handeln, indem er sich zur Kinderbetreuung zur Verfügung stellt oder den Schülern bei den Hausaufgaben hilft, damit die Alleinerziehende oder auch der Alleinerziehende der Arbeit nachgehen, Besuche machen, Erledigungen und Einkäufe tätigen kann.

Ein anderes Beispiel sind die Alkoholkranken. Sie dürfen keinen Tropfen Alkohol zu sich nehmen, weder direkt noch indirekt z. B. über irgendwelche Speisen, weil sonst die Krankheit wieder ausbricht und der Teufelskreis von neuem beginnt. Mann und Frau, die für die Not und Gefahr der Alkoholsucht aufmerksam sind, werden den Betroffenen alle Gelegenheiten zum Alkoholkonsum aus dem Weg räumen. Sie werden auch einschreiten, wenn Alkoholkranke bewusst oder aus Dummheit animiert werden, zu trinken. Besonders wichtig ist Hilfe zur Selbsthilfe. Deshalb müssen Alkoholkranke ermuntert werden, eine Selbsthilfegruppe aufzusuchen und dieser treu zu bleiben.

Ein anderes Beispiel sind die älteren Menschen in der Nachbarschaft, zu Hause oder auch in einem Heim. Wer ihre Not sieht, wird handeln. Er macht Besuche, um den alten Menschen zuzuhören, ihnen Trost zu spenden und um ihnen die möglichen und nötigen Hilfeleistungen zu gewähren.

2003 ist das Europäische Jahr der Behinderten. Es lenkt unseren Blick auf die Not der Betroffenen und ihrer Angehörigen. Wir sollen erfassen und in uns aufnehmen, welche Umstände in Familie, Nachbarschaft, Schule, Beruf, Urlaub, im Straßenverkehr und beim Einkauf die Lebens- und die Entfaltungsmöglichkeiten von behinderten Menschen einschränken. Nur wer diese Not kennt und sich auf sie einlässt, kann auch entsprechend reagieren und dazu beitragen, dass in der Gesellschaft das Nötige für behinderte Menschen und ihre Familien getan wird. Erst wer spürt, was Eltern mit behinderten Kindern, was behinderte Jugendliche und Erwachsene tagtäglich an Nöten und Leid erfahren, kann helfen – direkt oder indirekt, besonders auch durch politisches und soziales Engagement.

Erst wer die Schwierigkeiten von Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern wirklich erfasst hat, kann sich hilfsbereit für sie einsetzen.

Die Beispiele ließen sich fortführen.

Im Lukasevangelium findet sich die Weisung Jesu: „Dein Auge gibt dem Körper Licht. Wenn dein Auge gesund ist, dann wird auch dein ganzer Körper hell sein. Wenn es aber krank ist, dann wird dein ganzer Körper finster sein. Achte also darauf, dass in dir nicht Finsternis statt Licht ist“ (Lk 11,34f.). Ein Christ muss gesunde Augen haben, die die Not des anderen Menschen sehen, und er muss ein offenes Herz haben, das die Not in sich hineinlässt. Das ist die Voraussetzung für alles caritative Handeln.

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer! Im Evangelium des katholischen Sonntagsgottesdienstes wird heute die Verklärung Christi auf dem Berg verkündet. Die Apostel Petrus, Jakobus und Johannes erleben, wie Jesus verwandelt wird, in strahlend weißen Kleidern dasteht und sich mit Elija und Mose unterhält. Dabei sind sie von einer Wolke umgeben, Symbol dafür, dass sie in die Sphäre Gottes hineingenommen sind. Sie hören die Stimme: „Das ist mein geliebter Sohn, auf ihn sollt ihr hören“. Am liebsten wären die drei Apostel nach diesem Erlebnis oben auf dem Berg geblieben, weit abgerückt von den Menschen ihrer Zeit und Umwelt. Aber Jesus drängt, wieder hinabzusteigen. Sie sollen nach diesem Erlebnis und mit dieser Erfahrung auf dem Berg zu den Menschen zurückkehren. Und was erwartet sie unten im Tal? Kranke, Elende, Betrübte und Streitende, die geheilt und befriedet werden wollen und sollen. Jesus wendet sich ihnen zu und heilt sie.

Die Erzählung von der Verklärung auf dem Berg geht im Markusevangelium nahtlos über in einen Bericht von der Heilung Kranker.

Die Erfahrung der Apostel auf dem Berg und das anschließende Hinabsteigen in die Niederungen des Menschlichen und der Krankheiten kann man auch so deuten: Jesus wird auf dem Berg als der Sohn Gottes offenbart. Dieser Gott ist aber keiner, der über den Wolken thronen bleibt, sondern der sich auf die Menschen einlässt, der ein Herz für sie hat. ER steigt zu ihnen hinab. Er ist ein Gott, der die Nöte des Nächsten fasst und in sich aufnimmt, der mit den Menschen fühlt und alles unternimmt, damit das Leid der Menschen überwunden wird. „ER sieht die Not und handelt. Caritas“.

„Auf ihn sollt ihr hören“, das bedeutet dann: Ihr sollt tun, was er tut. Wenn Gott einen Blick für die Not der Menschen hat, dann ist das für uns Aufforderung, sich den Menschen zuzuwenden. Gott enthebt uns nicht der Not der Menschen, sondern richtet unsere Augen auf sie. An Jesus, seinem Tun und Handeln, wird unser Blick für die Mitmenschen geschärft. Bei ihm und durch ihn wird unser Auge gesund. Durch IHN lernen wir „Not sehen und handeln. Caritas“.

Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer! Ich möchte Sie am heutigen Sonntag bitten, ihre Augen an den Augen Jesu auszurichten und ihre Herzen am Herzen Jesu zu bilden. Dann können Sie zur Linderung der vielfältigen Not unter den Menschen beitragen. Dann werden Sie Christen, bei denen Glaube und Liebe übereinstimmen. Sie werden Menschen, die die Not der Mitmenschen sehen und handeln. Sie nehmen dann in Ihrer unmittelbaren Nachbarschaft wahr, was Menschen bedrückt, und helfen. Sie werden aber auch gern gemeinnützige Organisationen unterstützen, wie die Caritas der Katholischen Kirche. Sie stellen nämlich fest, dass Sie nicht direkt allen helfen können, denen Sie helfen wollen und müssen. Sie sind deshalb dankbar, dass es Institutionen gibt, die mit ihren Angestellten, ihrer Fachkompetenz und mit ihrem Instrumentarium dort tätig werden, wo Sie nicht persönlich anpacken können. Und dann sind Sie bereit, mit Ihrem Geld diese Hilfeleistungen zu ermöglichen. Sie werden Ihren Beitrag bei der Caritassammlung geben.

In der zweiten Lesung aus dem Römerbrief hören wir heute im Gottesdienst: „Gott ist für uns, wer ist dann gegen uns? Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben. Wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken“. Richten wir uns nach Jesus aus. Versuchen wir seinen Blick zu bekommen und IHN im Reden und Handeln nachzuahmen. Dann werden wir durch und mit IHM die Menschenliebe in uns aufnehmen, die, wie der Sassower Rabbi sagt, darin besteht: „Die Nöte deines Nächsten zu fassen - und in dich aufzunehmen, worunter er leidet.“ Aus dieser Grundhaltung heraus wird caritatives Handeln möglich, direkt und indirekt. „Not sehen und handeln. Caritas“. Ich wünsche Ihnen allen einen gesegneten Sonntag.

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