Pressemitteilung vom 26. März 2002

Damit die Würde gewahrt bleibt
Podiumsdiskussion im Rahmen der ökumenischen Initiative „Ja zum Leben - bis zuletzt“

Auf dem Podium: Bundestagsabgeordneter Horst Schmidbauer (SPD), Staatsministerin Christa Stewens (CSU), Moderator Karl-Heinz Thume und Landescaritasdirektor Karlheinz Zerrle.
Foto: Robert Sauerbeck

Eine klare Absage erteilten Politiker jeglicher Form von aktiver Sterbehilfe bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Der Umgang mit den Menschen im letzten Lebensabschnitt“ im Nürnberger Caritas-Altenheim St. Benedikt. Die bayerische Staatsministerin Christa Stewens (CSU) und der Bundestagsabgeordnete Horst Schmidbauer (SPD) unterstrichen Forderungen der beiden großen Kirchen, ein würdiges Leben bis zuletzt zu ermöglichen.

Allerdings müssten, so die Politiker unisono, Rahmenbedingungen geschaffen werden, damit Menschen ihr Leben im Alter und bei unheilbarer Krankheit noch als lebenswert empfinden können, damit von einem Sterben in Würde überhaupt gesprochen werden kann. Die Stärkung der Palliativmedizin, die Förderung der Hospizbewegung und die Finanzierung einer Pflege, die Raum und Zeit lässt für menschliche Zuwendung, wurden als Grundvoraussetzungen genannt.

„Wir haben keine Verfügung über das Leben“, verdeutlichte Landescaritasdirektor Karlheinz Zerrle die christliche Position, „Leben ist Geschenk Gottes - bis zuletzt“. Prälat Zerrle nahm als Vertreter der Kirchen und Wohlfahrtsverbände an der vom Nürnberger Katholikenratsvorsitzenden Karl-Heinz Thume moderierten Podiumsdiskussion teil. Ludwig Markert, Präsident der Diakonie Bayern, musste kurzfristig absagen.

Die mit über hundert meist älteren Teilnehmern gut besuchte Veranstaltung im Rahmen der ökumenischen Initiative „Ja zum Leben - bis zuletzt“ demonstrierte in der Bewertung menschlichen Lebens und der Frage der aktiven Sterbehilfe Geschlossenheit. Ein Gesetz, das eine vom Sterbenskranken gewünschte aktive Tötung oder die ärztliche Hilfe zur Selbsttötung straffrei stelle, wie es vor zwei Jahren in den Niederlanden verabschiedet wurde, dürfe es in Deutschland nicht geben, betonten Politiker wie Kirchenvertreter. In der Gesellschaft hingegen wird das Thema kontrovers diskutiert. 70 Prozent der Bundesbürger befürworteten die Möglichkeit der aktiven Sterbehilfe, zitierte Stewens eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach.


Ängste

Warum können sich zwei Drittel der Deutschen vorstellen, ihrem Leben selbst oder mit Hilfe anderer ein Ende zu setzen? Es ist die Angst vor dem einsamen, qualvollen Sterben. „Die Menschen wollen nicht vom Leben, sondern vom Leiden erlöst werden“, brachte es Zerrle auf den Punkt. Der Suizidwunsch sei oft ein Hilfeschrei: Stehe mir bei, lasse mich nicht allein! Die Erfahrung des Seelsorgers bestätigte der Medizinische Direktor des Klinikums Nürnberg Nord, Walter Gallmeier. Bei intensiver menschlicher Zuwendung, einem vertrauensvollen Arzt-Patienten-Verhältnis und ausreichender Schmerztherapie würden unheilbar an Krebs erkrankte Menschen die Kraft finden, ihr Leben zu bejahen, berichtete der Onkologe.

Die Teilnehmer der Veranstaltung, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, wirtschaftspolitische, ethische und gesellschaftspolitische Aspekte zu erörtern, wiesen immer wieder darauf hin, dass es der Gesellschaft etwas wert sein muss, menschenwürdiges Sterben zu ermöglichen. Doch beim Thema Kosten fangen die Probleme an. „Bei Palliativbetten schreien die Krankenkassen &Mac226;Nein‘“, führte Stewens als Beispiel an. In Bayern gebe es mittlerweile zehn Palliativstationen und 98 Palliativbetten. „Wir müssen noch viel tun, um eine flächendeckende Versorgung zu sichern.“ Stewens, die sich selbst stark in der Hospizbewegung engagiert, würdigte die Bedeutung der Hospizarbeit und der 10.000 ehrenamtlichen Helfer allein in Bayern.

80 Prozent der Tumorpatienten wollten zu Hause sterben, tatsächlich seien es gerade einmal nur vier Prozent. Angesichts solcher Zahlen plädierte Schmidbauer vehement für einen Ausbau der ambulanten und stationären Hospize und der Palliativmedizin. „Hier ist Deutschland Entwicklungsland.“

Dem Argument der leeren Kassen im Gesundheitswesen begegnete der SPD-Gesundheitsexperte mit dem Vorschlag: „Wir müssen weg von der Reparaturmedizin, hin zu einer Präventiv- und Rehabilitationsmedizin“. Durch die Beseitigung falscher Anreizsysteme würden letztlich Gelder frei, die für die Finanzierung einer humanen Pflege und einer menschenwürdigen Sterbebegleitung dringend benötigt würden.

Ingrid Petersen

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