Pressemitteilung vom 25. April 2002

Sterbebegleitung braucht Zeit
Podiumsdiskussion thematisierte unzureichende Rahmenbedingungen für die Pflege Schwerstkranker

Die Teilnehmer der Podiumsdiskussion (v. l. n. r.): Domvikar Bernhard Simon,  der Direktor des Caritasverbandes für die Erzdiözese Bamberg, Franz Maget, der Vorsitzende der SPD-Fraktion im Bayerischen Landtag, Klaus Angerstein vom Fränkischen Tag (Moderator), Dr. Günther Beckstein, Bayerischer Staatsminister des Innern und Dr. Ludwig Markert, Präsident  des Diakonischen Werks Bayern

Sowohl in der ambulanten Pflege durch die Sozialstationen wie in Alten- und Pflegeheimen bleibt zuwenig Zeit, den Patienten menschliche Zuwendung zu geben, mit ihnen Gespräche zu führen und sich auch mit ihren Angehörigen zu befassen. Diese Klage führten Pflegepersonal und Angehörige pflegebedürftiger Menschen bei der Diskussion „In Würde leben bis zuletzt – wie ist das möglich?“ Dass menschenwürdige Sterbebegleitung unter den gegenwärtigen Arbeitsbedingungen eigentlich nicht möglich sei, war denn auch die Schlussfolgerung der Praktiker bei der Veranstaltung, zu welcher der Caritasverband für die Erzdiözese Bamberg und das Diakonische Werk Bamberg-Forchheim am Abend des 23. April in den Bamberger Zentralsaal eingeladen hatten.

Unterstützung erhielten die Betroffenen sowohl von der Führung der beiden Wohlfahrtsverbände wie vom Moraltheologen Prof. Dr. Volker Eid. Die Würde des Menschen dürfe nicht abhängig gemacht werden von dem Zustand, in dem er sich befinde, führte der Lehrstuhlinhaber der Universität Bamberg aus. Daher könne es nicht sein, dass der Pflegende sich an einen festgelegten Zeittakt halten müsse, denn die Not eines Menschen kenne kein Zeitraster.

    Die Witwe Gunda Schubert berichtete vom Sterben ihres Mannes

Diözesan-Caritasdirektor Bernhard Simon kritisierte scharf den „materialistischen Ansatz“ der Pflegeversicherung. Sie sehe den Menschen nur als Körper, an dem man abrechenbare Leistungen vornehme.“ Das Pflegepersonal von Caritas und Diakonie mache unbezahlte Überstunden, um Schwerstkranke und Sterbende nicht nur zu versorgen, sondern ihnen auch nahe zu sein.

Simon stellte außerdem eine Lücke in der ambulanten Versorgung fest. Sozialstationen unterstützten bei der Pflege, oft werde aber gerade hauswirtschaftliche Hilfe benötigt. Eine Arbeitsplatzgarantie für pflegende Angehörige, wie es sie für Eltern in der Elternzeit bereits gibt, forderte Dr. Ludwig Markert, der Präsident des Diakonischen Werks Bayern. Die Anrechnung von Zeiten der Pflege beim Rentenanspruch sowie Kuren für pflegende Angehörige lauteten Anregungen aus dem Publikum.

Die beiden zur Podiumsdiskussion eingeladenen Politiker strichen zwar in sehr persönlichen Worten die Bedeutung und den Wert der Sterbebegleitung aus eigener Erfahrung heraus, gingen aber auf die konkreten Verbesserungsvorschläge kaum ein. Simons Hinweis, die Leistungen der Pflegeversicherung seien seit ihrer Einführung nicht erhöht worden und dadurch werde das Korsett der Sozialstationen immer enger, beantwortete Franz Maget, SPD-Fraktionsvorsitzender im Bayerische Landtag, zunächst mit der Aussage, eigentlich müssten die Beiträge zur Pflegeversicherung angehoben werden. Auf Nachfrage schränkte er jedoch ein, die Sozialabgaben ließen sich nicht weiter erhöhen. Bayerns Innenminister Dr. Günther Beckstein (CSU) plädierte für mehr private Vorsorge. Um die Pflege Schwerstkranker großzügiger unterstützen zu können, schlug er vor, die Kostenübernahme bei Schönheitsoperationen, Sportunfällen und Bagatellerkrankungen aus den Leistungen der Krankenkassen zu streichen.

Maget räumte ein, dass sich keine Partei in ihrem Wahlprogramm zur Pflegeproblematik äußere. Prof. Eid wertete dies als „Negativsignal“. Die Pflege Schwerstkranker und Sterbender werde als „Privatsache“ an bestimmte Einrichtungen und an die Betroffenen abgeschoben.

Am Ende des Abends zog Caritasdirektor Simon ein eher ernüchterndes Fazit: „Wir wären ja schon froh, wenn wir wüssten, wie es mit der Ausbildung der Pflegeberufe weitergeht.“ Deren Neuordnung ist gegenwärtig vor dem Bundesverfassungsgericht anhängig. Und der Moderator der Diskussion, der Journalist Klaus Angerstein, resümierte: „Wir sind von dem Anspruch, dass die Pflege Schwerstkranker und Sterbender eine strikte Aufgabe aller ist, noch weit entfernt.“

Die Podiumsdiskussion beendete die regionalen Veranstaltungen im Rahmen der ökumenischen Initiative „Ja zum Leben – bis zuletzt“, die das Erzbistum Bamberg und die evangelisch-lutherischen Kirchenkreise Ansbach, Bayreuth und Nürnberg seit Oktober vergangenen Jahres durchgeführt hatten.

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