Pressemitteilung vom 24. Juli 2002

Freiwilligenzentren – Zeit sinnvoll „weiterschenken“

Das Freiwilligen–ABC
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Archivieren, Ausflugsbegleitung, ...
Babysitten, Besuche, Basteln, Büroarbeit, ...
Clown Spielen für Kinder, Computer, ...
Dolmetschen bei Behörden, ...
Essen austeilen, EDV-Beratung, Ersatzoma, ...
Fahrdienste, Fotografieren, Feste, ...
Gartenarbeit, Grabpflege, Gedächtnistraining, ...
Handwerkliches, Hausaufgabenhilfe, ...
IIdeen entwickeln, Igelhilfe, ...
JJugendarbeit, ...
Kinderbetreuung, Kochkurs, Kosmetik, ...
Lebensmittel einkaufen, Lernhilfe, ...
Musik machen, managen, malen, ...
Nachhilfe, Naturschutz, Nähen, ...
Öffentlichkeitsarbeit, Obdachlosenhilfe, ...
PPatenschaften, Programmieren, Projekte, ...
Quatschen, Querdenken, ...
Ratschläge geben, Reparieren, Renovieren, ...
Spielen, Sport, Selbsthilfegruppen, ...
Telefondienste, Tapezieren, Tanzen, ...
Umzugshilfen, Unterstützungen, ...
Vermitteln, Vorlesen, Veranstaltungen, ...
Wissen weitergeben, Waldarbeit, Wandern, ...
Yogakurs
Zuhören, Zaubern, Zusammenarbeit, ...
Was für Sie dabei? Haben Sie noch andere Ideen?
Unbezahlt und unbezahlbar: Das ehrenamtliche Engagement hunderter freiwilliger Helfer lässt sich grob mit diesen Worten umreißen. Neue Wege für ein „neues Ehrenamt“ gehen die Freiwilligenzentren. 35 solcher Kontaktbörsen für freiwillige Helfer sind mittlerweile an den Deutschen Caritasverband angeschlossen. Auch in Bayreuth und Neustadt an der Aisch bündeln und vernetzten professionelle Vermittler die verschiedensten freiwilligen Tätigkeiten im Erzbistum Bamberg. Ihre Bilanz kann sich sehen lassen.

„Keiner muss Angst haben, ausgenützt zu werden“, die Bayreuther Studentin Barbara Keck räumt jegliche Bedenken sofort beiseite. Sie ist im Bayreuther Freiwilligenzentrum (FWZ) eine „Ehrenamtliche der ersten Stunde“. Seit rund anderthalb Jahren engagiert sie sich immer wieder in verschiedenen Projekten, die meiste Zeit betreut sie den sozialen Secondhand-Laden „ALEX“ im Keller des FWZ. Hier türmen sich mittlerweile Bücher, Spielsachen, Fernseher, Lampen, Kassettenrekorder und haufenweise andere kleine Schätze; allesamt Sachspenden von Bayreuther Bürgern, die das FWZ unterstützen wollen. Das „ALEX“-Projekt wird von A bis Z von Ehrenamtlichen betreut und durchgeführt. Ein „Selbstläufer“, bestätigt auch Christina Ahr, Leiterin des FWZ Bayreuth, und zugleich ein Vorzeigeprojekt.


Schnittstelle für das „neue Ehrenamt“

„Den richtigen Menschen am richtigen Ort einzusetzen“, so formuliert Ahr die Aufgabe des FWZ; neben dem Caritasverband zeichnen das Bayerische Rote Kreuz und das Diakonische Werk Bayreuth als Träger verantwortlich. Das Zentrum fungiert als Schnittstelle zwischen Institutionen, die ehrenamtliche Mitarbeiter suchen, und Engagierten, die sich eine sinnvolle Aufgabe für ihre Freizeit wünschen. Mit einem „Steckbrief“ suchen Vereine und Sozialdienstleister ganz gezielt nach dem richtigen Helfer. Ahr hat ein „explosiv gestiegenes Interesse“ an der Arbeit des FWZ ausgemacht. Zusammen mit ihrer Kollegin Ingeborg Thiem koordiniert sie Nachfrage und Angebot an ehrenamtlichen Tätigkeiten. Momentan zählt sie rund 100 Namen in ihrer Ehrenamtlichen-Kartei, Tendenz steigend. „Männer sind dabei leider Mangelware“, bedauert Ahr, „vermutlich sind Männer stärker in Vereinen ehrenamtlich engagiert. Soziales Engagement bringt vielleicht nicht so viel Ansehen“, glaubt sie.

Die freiwilligen Tätigkeiten sind dabei so vielfältig wie das Leben selbst. Zwar liege der Schwerpunkt der vermittelten Helfer nach wie vor auf dem sozialen Sektor, allerdings ist er nicht allein darauf beschränkt. Die Möglichkeiten für freiwilliges Engagement sind fast grenzenlos. So vermittelt Ingeborg Thiem Studenten und Schneiderinnen an die Bayreuther Theaterbühnen; dort arbeiten sie als Bühnenbildner, an den Kostümen oder als Beleuchter und belasten nicht das ohnehin schmale Budget der Bühne. Rüstige Rentner reparieren Kinderspielzeug für den Kindergarten oder flicken Fahrräder für andere Senioren. Ins Tierheim sind ehrenamtliche „Gassi-Geher“ durch das FWZ vermittelt worden. Und für das Bayreuther Storchenfest haben die Verantwortlichen bereits fleißige freiwillige Helfer beim FWZ „gebucht“.

Für Regina Schneider war das FWZ nach ihrem Umzug aus Hessen eine perfekte Möglichkeit, Kontakte in ihrer neuen Heimatstadt zu knüpfen. In der Kleiderkammer verteilt sie Bekleidung an Asylbewerber, im Theater schenkt sie Sekt aus, und einmal hat sie einer Frau geholfen, die aus dem Frauenhaus wieder in eine eigene Wohnung gezogen ist. „Manche Bekannte haben mich für verrückt erklärt, weil ich ohne Bezahlung arbeite“, berichtet sie, „aber ich will das so.“ Ihr Engagement ist gratis, aber nicht umsonst.


Optimale Rahmenbedingungen schaffen

In Neustadt an der Aisch hat der Caritasverband ebenfalls ein Freiwilligenzentrum etabliert, zusammen mit seinem Kooperationspartner „Iss was e.V.“, der die „Aischgründer Tafel“ für Bedürftige organisiert. Seit Mai 2002 ist dort Horst Koydl mit dem Aufbau des FWZ „mach mit!“ beauftragt. Die Pläne dafür hatte man bei der Caritas schon länger in der Schublade.

„Zuerst wird geklärt, welche Fähigkeiten und Möglichkeiten mit dem neuen Ehrenamtlichen kommen und wie viel Zeitaufwand er aufbringen möchte“, beschreibt Koydl die ersten Schritte. Dazu wird das erste Gespräch in einem Fragebogen zusammengefasst. Hier wird festgehalten, auf welchem Gebiet die Interessen des Freiwilligen liegen oder welche Hobbies er hat, um ihm die spätere Tätigkeit möglichst auf den Leib zu schneidern.

„Die meisten Menschen, die sich bei uns melden, waren vorher noch nicht ehrenamtlich tätig“, berichtet Ahr. Dafür kommen manche schon mit ganz bestimmten Vorstellungen, auf welchem Gebiet sie eingesetzt werden möchten. Untermauert wird diese Beobachtung eines sehr spezifizierten Ehrenamtes durch eine Studie der Universität Bamberg. Als Motiv für ehrenamtliche Arbeit gilt demnach immer weniger eine christlich-moralische Verpflichtung zum freiwilligen Dienst, sondern vor allem das Eigeninteresse an einer aktiven Gestaltung der eigenen Lebenswelt. Die Autoren der Studie sprechen daher auch vom „neuen Ehrenamt“.

„Das Ehrenamt ist ein sehr wichtiges Zukunftsthema, denn viele Vereine haben Schwierigkeiten Ehrenamtliche zu finden, und auch die öffentlichen Kassen sind in Not“, umreißt der Geschäftsführer des Neustadter Caritasverbands, Gerhard Behr-Rößler, die Situation. Die Gesellschaft habe starken Nachholbedarf, daher werde es immer wichtiger, Menschen zu ehrenamtlicher Mitarbeit zu motivieren. Diese Lücke wollen die Freiwilligen-Zentren schließen. Dabei gilt es „sensibel zu sein, dass das Ehrenamt nicht überstrapaziert wird.“ Behr-Rößler sieht diese Gefahr als „ständige Grenzfrage“. In Bayreuth müssen die Institutionen, die freiwillige Helfer suchen, schriftlich versichern, dass ein Ehrenamtlicher keinen Arbeitsplatz ersetzt oder gefährdet. Außerdem wird der zeitliche Rahmen, den der Freiwillige selbst festlegt, schriftlich in einer Vereinbarung fixiert.


Werkstatt für neue soziale Ideen

Für die „Neuen Ehrenamtlichen“ ist ständige Rückmeldung über ihre Tätigkeit sehr wichtig, berichtet Behr-Rößler. Die Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu engagieren hängt ganz entscheidend von den Rahmenbedingungen für dieses Engagement ab. Sie zu optimieren, haben sich die verschiedenen Träger der Zentren zum Ziel gesetzt. „Dazu gehört etwa der Versicherungsschutz für die Freiwilligen oder eine Art Ausbildung mit Zertifikat für Ehrenamtliche, wie es sie schon seit längerem etwa für ehrenamtliche Babysitter gibt“, erläutert Behr-Rößler. Versicherungsschutz und Aufwandskostenentschädigung für Telefon, Benzin und Material werden ebenfalls schriftlich vereinbart.

In der „Werkstatt für soziale Ideen und Aktionen“, die fester Bestandteil beider Freiwilligenzentren ist, werden neue Entwürfe für freiwillige Engagements ausgetüftelt. In Bayreuth ging daraus die „Generationen-Werkstatt“ hervor, auf die Christina Ahr besonders stolz ist. Senioren und Kindergartenkinder kommen hier miteinander in Kontakt. Beim Workshop „Für 15 Minuten siebzig sein“ konnten die Kinder mit Halskrausen und dunklen Brillen erfahren, wie gehandikapt Senioren sind, wie schwierig es ist, mit tauben Fingern Tabletten aufzusammeln oder sich mit einem steifen Arm zu kämmen. Daneben kommen die Senioren zum Vorlesen in den Kindergarten, oder es gibt Erzählnachmittage, an denen die Kinder eine Zeitreise in die Vergangenheit machen können: Wie war Schule vor fünfzig Jahren, wie wurde Wäsche gewaschen, welche Lieder haben Oma und Opa als Kinder gelernt? In Bayreuth, so Ahr, hat das Engagement von Senioren ein leichtes Übergewicht. In Zukunft will man auch Jugendliche und Studenten noch stärker in die Arbeit im FWZ einbinden.

Neben praktische freiwillige Arbeit zu vermitteln, ist es Koydl ein Anliegen, bereits bestehende Projekte noch enger zu vernetzen. Neue Kooperationspartner sind immer gesucht. Am Ende soll eine „Freiwilligen-Börse“ entstehen, die ehrenamtliche „Spezialisten“ mit großem Know-How, etwa hochqualifizierte Frührentner, an die richtige Stelle vermitteln kann. Gedacht ist dabei auch an eine internetgestützte Vermittlung, berichtet Koydl. Diese Internet-Börse wird in Neustadt/Aisch als Pilotprojekt gestartet. Aus der Neustadter „Ideen-Werkstatt“ ist auch die „Leihoma“ hervorgegangen, außerdem suchen Behr-Rößler und Koydl „Sprachpaten“ für Asylbewerber. „Oft wollen diese Familien Deutsch lernen, können sich aber keinen Sprachunterricht leisten“, berichtet Behr-Rößler.

Rein statistisch sind die meisten freiwilligen Helfer berufstätig und zwischen 36 und 45 Jahren alt. Die zweite große Gruppe bilden Rentner, die nach einer sinnvollen Aufgabe nach dem Berufsleben suchen. Aber den typischen Ehrenamtlichen gibt es nicht: „Menschen jeden Alters und Berufs“, melden sich für eine ehrenamtliche Tätigkeit an, berichtet Ahr. „Viele suchen nach einer Aufgabe, wenn ihre Kinder flügge geworden sind“, weiß Koydl. Die Ehrenamtlichen ergänzen die Arbeit der Professionellen, sie tun das, wozu etwa der Pflegekraft im Altenheim keine Zeit bleibt: Vorlesen, Spazierengehen, Karten spielen.

Sich selbst direkt anzubieten liegt vielen Menschen nicht, berichtet Ahr. Das Freiwilligenzentrum übernimmt hier eine wichtige Drehscheiben-Funktion. „Wir kennen einfach für viele Aktivitäten die richtigen Ansprechpartner“, sagt Christina Ahr. „Die Angebotspalette des FWZ ist riesig und super“, bestätigt auch Barbara Keck, die schon verschiedene Angebote selbst ausprobiert hat. Eine längere Zeit ohne ehrenamtlichen Einsatz, sagt sie, kann sie sich gar nicht mehr vorstellen. Simon Hupfer

Kontakt:

Freiwilligenzentrum „mach mit!“
c/o Caritasverband für den Landkreis Neustadt/Aisch – Bad Windsheim
Soziale Beratung
Ansbacher Straße 6
91413 Neustadt/Aisch
Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag 9.00 bis 12.00 Uhr
Montag bis Donnerstag 13.30 bis 16.00 Uhr
oder nach Vereinbarung
Tel.: (09161) 88 89-16
Fax: (09161) 88 89-20
E-Mail: info@caritas-nea.de
Internet: www.caritas-nea.de

Freiwilligenzentrum Bayreuth
Bürgerreuther Straße 9
95444 Bayreuth
Öffnungszeiten:
Montag bis Freitag 9.00 bis 12.00 Uhr
Mittwoch 16.00 bis 19.00 Uhr
Tel.: (0921) 7 89 02-16 / -26
Fax: (0921) 8 40 88
E-Mail: fwz-bayreuth@web.de

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