Pressemitteilung vom 22. Juli 2002

Caritasverband Nürnberg – In den sozialen Brennpunkten der Großstadt

Aushängeschild der Caritas in Nürnberg ist die Straßenambulanz von Bruder Martin Berni. In kürzester Zeit wurde der Franziskaner für die breite Öffentlichkeit zu einem Symbol für soziales Engagement und Nächstenliebe. Foto: Feurer

Auch im traditionellen Bereich der Altenhilfe geht der Caritasverband Nürnberg neue Wege. Als der Abriss des Alten- und Pflegeheims St. Josef in Fürth und ein Neubau an gleicher Stelle erforderlich wurden, ließ der Verband für Bewohner von St. Josef auf dem Gelände des Altenheims St. Willibald in Nürnberg innerhalb von wenigen Wochen Wohneinheiten in Fertigbauweise errichten. Foto: Sauerbeck

Mitten in der Stadt, am Obstmarkt, befindet sich die Zentrale des Caritasverbandes Nürnberg. Foto: Sauerbeck

“Ziel unseres Handelns ist der Mensch.” Roland Werber, vom Bamberger Erzbischof 1999 zum Direktor des Caritasverbandes Nürnberg bestellt, fasst den Auftrag des Wohlfahrtsverbandes in der Großstadt Nürnberg zusammen: zum einen die traditionellen Aufgaben wahrnehmen und entsprechende Angebote vorhalten und zum anderen in den sozialen Brennpunkten schwerpunktmäßig tätig sein. Mit fast 700 Mitarbeitern und Dutzenden von Einrichtungen ist der Caritasverband Nürnberg der größte in der Erzdiözese Bamberg. Außerdem handelt es sich auch um den ältesten: Im Jahre 2005 kann er sein 100-jähriges Bestehen feiern.

“Wir müssen sehen, welche Menschen hier leben und in welcher Situation sie leben”, erläutert Werber. Von 1976 bis 1999 war er als Personalleiter beim Dözesan-Caritasverband Bamberg und gleichzeitig jahrelang als stellvertretender Diözesan-Caritasdirektor tätig. “Wir müssen schauen, welche Aufgaben sich daraus ergeben und in welchem Beziehungsumfeld wir diese Aufgaben erledigen.” Nürnberg - das bedeute zum Beispiel: eine ganz andere Bevölkerungsstruktur als in Kleinstädten oder auf dem “flachen Land”, ein auf die jeweilige Einwohnerschaft bezogen wesentlich geringerer Anteil an Menschen mit kirchlicher Bindung. Nürnberg als Industrie- und Produktionsstandort habe zudem eine traditionell starke Arbeiterschaft und einen hohen Ausländeranteil. In dieser “multikulturellen” Großstadt agiere der Caritasverband in vielen Bereichen, auch in ökumenischer Hinsicht, als Partner. So wird beispielsweise die Wärmestube hinter dem Hauptbahnhof in Kooperation mit der Stadtmission betrieben. Werber: “Wir müssen uns fragen: Welche Situation finden wir vor im Kontext zu anderen Wohlfahrtsverbänden, im Verhältnis zu Kommunen, Gebietskörperschaften und wie können wir uns hier in diesem ganzen Umfeld entsprechend dem Selbstverständnis eines Wohlfahrtsverbandes der katholischen Kirche einbringen und profilieren?”

Den Vorstand des Caritasverbands Nürnberg bilden Stadtdekan Theo Kellerer als erster Vorsitzender und Rechtsanwalt Herzner als Stellvertreter sowie Caritasdirektor Werber. Den achtköpfigen Gesamtvorstand komplettieren Kompetenzträger aus unterschiedlichen Bereichen des öffentlichen Lebens.

Zu den traditionellen Aufgaben des Caritasverbandes zählt Direktor Werber die Jugend- und Familienhilfe sowie die Alten- und Gesundheitshilfe. Familie - darunter falle fast alles: Beratung, Kuren, familienunterstützende Aufgaben. Allerdings erforderten auch ein gewandeltes Familienbild und veränderte Familiensituationen neue, adäquate Antworten. In Nürnberg böten das Kinder- und Jugendhaus Stapf, in Schnaittach das Jugendhilfezentrum eine breite Palette an professionellen Hilfen. Eine große Anfrage an den Verband und die Gesellschaft sieht Werber in der zunehmenden Armut vieler Familien.

Alten- und Gesundheitshilfe: Dazu gehören fünf Alten- und Pflegeheime mit über 600 Plätzen, außerdem Sozialstationen der katholischen Krankenpflegevereine in den einzelnen Stadtteilen. Circa 150 hauptamtliche Fachpflegekräfte und Pflegehelferinnen betreuen und versorgen in der häuslichen Kranken- und Altenpflege täglich rund 1.600 Patienten. “Das ist gut so”, wertet Werber, “dass es in Nürnberg noch einen ambulanten Bereich gibt, der über die Krankenpflegevereine eingebunden ist in die Pfarreien und Gemeinden, die ambulante Krankenpflege als eine ihrer Aufgaben ansehen”. Der personal- und kostenintensive stationäre Bereich sei dagegen bei einem großen Verband besser aufgehoben.

Option für die Armen

Die Caritas ist traditionell für viele Menschen erste soziale Anlaufstelle. In Nürnberg wurde die Allgemeine Soziale Beratung wegen der hohen Nachfrage vor kurzem ausgeweitet und personell aufgestockt. In aktuellen Notlagen können Hilfesuchende im Caritas-Haus am Obstmarkt finanzielle Beihilfen erhalten, um zum Beispiel Stromsperren abzuwenden, oder auch Kleiderspenden und Essensgutscheine bekommen.

Die Option für die Armen, Schwachen und Benachteiligten wird in der Arbeit in den sozialen Brennpunkten der Großstadt konkret, in der Wohnungslosen- und Strafentlassenenhilfe, in der Aussiedler- und Ausländerarbeit, im Schutz von Frauen vor Gewalt in Ehe und Familie oder im Einsatz für psychisch Kranke.

Auf die Phase der gezielten Gastarbeiter-Betreuung gehen die Beratungen für spezielle Ausländergruppen, für Italiener oder Kroaten, zurück. Ein auf die Herausforderungen der Migration antwortender Dienst ist die vielschichtige Caritas-Arbeit im Asylbereich. In der Begleitung afrikanischer Asylbewerber ist die Comboni-Missionsschwester Assunta Arraghie Feleke, eine Äthiopierin, tätig.

Im Obdachlosenbereich hat sich die vor zehn Jahren ins Leben gerufene Einrichtung Domus Misericordiae (Haus der Barmherzigkeit) in der Pirckheimer Straße zu einer Anlaufstelle für Bedürftige entwickelt. Neben der Notschlafstelle wird dort betreutes Wohnen angeboten. Aushängeschild der Caritas in Nürnberg ist die Straßenambulanz von Franziskanerbruder Martin Berni, die im Jahr fast tausend Menschen - darunter viele Punker und Strichjungen - betreut. Die Bereitstellung zusätzlicher Räume am Hummelsteiner Weg soll gewährleisten, dass nicht nur ein Aufsuchen auf der Straße, sondern auch Begegnung möglich ist. Schließlich, so unterstreicht Werber, gehe es nicht nur um eine körperliche Versorgung, sondern um Lebenshilfe in einem umfassenden Sinne. So führe zum Beispiel der Combonimissionar P. Juan Goicochea Straßenexerzitien durch. “Es ist erstaunlich, wie solche spirituellen Angebote wahrgenommen werden”, meint Werber und bezeichnet es als “Glück", dass gerade in diesem Bereich Ordensgemeinschaften - Niederbronner Schwestern, Franziskaner und Combonimissionare - wirken und Zeichen setzen.

Im Schutz der Anonymität der Großstadt kann Haus Hagar, ein vom Caritasverband Nürnberg getragenes Frauenhaus, ein Zufluchtsort für Frauen in Not sein. Haus Xenia, das 1997 eingeweihte Hospiz der Caritas, wird, wie Haus Hagar, stark nachgefragt. Der Caritasverband Nürnberg erwägt daher, so Werber, die Hospizarbeit mittelfristig durch mehr Plätze zu erweitern und zu intensivieren.

Bei seiner Arbeit orientiert sich der Verband am Leitbild, das sich der Diözesan-Caritasverband gegeben hat. Das Ziel, den Menschen in seiner Würde zu schützen, werde im gesamten Aufgabenspektrum, angefangen von der Schwangerenberatung bis hin zur Altenhilfe und Hospizarbeit, verfolgt, betont Werber. Aufgabe des kirchlichen Wohlfahrtsverbandes sei es, gerade den Menschen, die in der Gesellschaft Ausgrenzung erfahren, in Würde zu begegnen. Werber denkt in besonderer Weise an psychisch kranke Menschen. Und an Obdachlose und Alkoholiker, an Menschen, die nach landläufiger Meinung aus dem Stadtbild verschwinden sollten. “Wir wollen ihnen das Gefühl vermitteln, dass sie nicht im Stich gelassen sind; diese Menschen besitzen eine Würde, die zu schützen ist.”

Hilfe zur Selbsthilfe als Grundsatz jeglicher Hilfe der Caritas prägt selbstverständlich die Arbeit sowohl in den Beratungen als auch in den verschiedenen Einrichtungen. Nachholbedarf sieht Werber jedoch in der Zusammenarbeit mit Gemeinden in der Pfarrcaritas. “Dies ist ein Feld, das wir noch beackern müssen.” Auf die Frage “Wie gehen wir als echte Partner, die sich gegenseitig unterstützen, miteinander um?” müssten noch Antworten gesucht werden.

Die Begleitung und Qualifizierung Ehrenamtlicher nehme der Caritasverband sehr ernst. “Ehrenamtliche und Hauptamtliche müssen sich ergänzen, beide haben ihre Stärken und Schwächen.” Ehrenamtliche Arbeit, die naturgemäß aus der Freiwilligkeit und auch Spontaneität lebe, sollte man daher nicht in ein organisatorisches Korsett pressen. “Ohne unsere qualifizierten Mitarbeiter könnten wir gar nichts tun”, würdigt der Caritasdirektor das Engagement der fast 700 Hauptamtlichen. Sie in spiritueller und pastoraler Hinsicht zu begleiten und fachlich auf Niveau zu halten, stellt für ihn eine vorrangige Aufgabe dar. Denn die Herausforderungen würden - vor allem im Pflegebereich - immer schwieriger, die Belastungen immer höher. Da, wo ein hohes Maß an Struktur und Organisation notwendig ist, also in den personalintensiven Bereichen der ambulanten und stationären Altenhilfe befindet sich der Verband mitten in einem Prozess des Qualitätsmanagements.

“Wir nehmen traditionsgemäß vor Ort Aufgaben wahr, die sonst der Diözesan-Caritasverband Bamberg wahrnimmt”, erläutert Werber am Beispiel der Fachberatung des Referats Kindertagesstätten. Die Interessen des Diözesan-Caritasverbandes verfolgt der Caritasverband Nürnberg in verschiedenen Gremien und Ausschüssen auf Bezirks- und Regierungsebene. All dies erfordere natürlich einen engen Austausch mit den beiden Diözesan-Caritasverbänden Bamberg und Eichstätt - im Süden Nürnbergs, der zum Bistum Eichstätt gehört, ist der Eichstätter Caritasverband mit einer Kreisstelle in Langwasser präsent - und eine konstruktive Zusammenarbeit sowohl auf der Führungsebene als auch zwischen den jeweiligen Einrichtungen.

Den oftmals aufgerissenen Gegensatz zwischen Wirtschaftlichkeit und Nächstenliebe lässt Diplom-Kaufmann Werber für den Caritasverband nicht gelten. Neben der Verpflichtung, den Verband und die einzelnen Einrichtungen unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten zu führen, das vorhandene Potential zielgerichtet einzusetzen und somit auf dem sozialen Markt vorausschauend unternehmerisch tätig zu sein, sei doch allen Verantwortlichen klar, dass es im sozialen Sektor viele Bereiche gebe, in denen kein messbarer Gewinn erzielt oder kostendeckend gearbeitet werden könne. Leitfrage ist für Werber: “Führt das, was wir tun zu einem Ergebnis, das den Menschen, unseren Klienten nutzt?”

Über caritatives Engagement könne Kirche in einer weitgehend säkularisierten Großstadt noch erlebbar, spürbar sein, formuliert der Caritasdirektor “eine große Chance”. Für den Caritasverband Nürnberg bedeute dies zugleich “eine große Verpflichtung”, den jeweiligen Auftrag zu erkennen und entsprechend zu handeln. Ingrid Petersen

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