Pressemitteilung vom 17. Juli 2002

Selbständiges Leben fördern: Caritasverband Nürnberg begleitet psychisch Kranke

Die Caritas-Einrichtung veranstaltet für ihre Klienten auch Freizeit- und Gruppenangebote. So gehörte im vergangenen Jahr „Paddeln auf der Pegnitz“ zum Programm.

Psychisch kranke Menschen haben immer noch ein schlechtes Ansehen. Frauen und Männer mit Psychosen gelten als verrückt oder werden gar als gefährlich eingestuft. „Es fehlt einfach an fachlichen Informationen“, stellt Annette Münzing vom Caritasverband Nürnberg fest. Die Sozialpädagogin wünscht sich für ihre Klienten ein öffentliches Bewusstsein, wie es das „Nürnberger Bündnis gegen Depression“ erfolgreich hergestellt hat: Depression hat viele Gesichter und kann jeden betreffen.

Seit Jahren unterstützt die Caritas in Nürnberg in Kooperation mit der Gesellschaft zur Förderung der Psychiatrie e.V. psychisch Kranke mit dem Angebot des betreuten Wohnens. Es gibt in der Großstadt drei therapeutische Wohngemeinschaften, darunter eine Langzeit-WG, mit insgesamt elf Plätzen und betreutes Einzelwohnen. Ein Team von Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen begleitet die Bewohner ambulant. „Ziel ist es, die Klienten in ihrer Selbständigkeit so zu fördern, dass sie einmal ohne Unterstützung in einer eigenen Wohnung leben können“, erläutert der Leiter, der Sozialpädagoge Klaus Weckwerth.

„Mittendrin draußen: psychisch krank“. Das Jahresthema der Caritas beschreibt die Erfahrung vieler psychisch kranker Menschen, in der Gesellschaft isoliert und stigmatisiert zu sein. Zugleich macht der kirchliche Wohlfahrtsverband aufmerksam auf seine professionellen Dienste, die psychisch Kranke bei der Integration unterstützen.

Die Mitarbeiter der Nürnberger Caritas-Einrichtung betreuen Menschen mit unterschiedlichen psychischen Erkrankungen. Von derzeit 43 Klienten zählen neun zur Gruppe der sogenannten Borderline-Patienten. „Der Umgang mit diesen Klienten ist sehr schwierig“, fasst Annette Münzing Erfahrungen zusammen. „Sie zeigen extrem selbstschädigendes Verhalten.“ Viele sind suizidgefährdet.

Durchschnittlich zwei Jahre dauert das betreute Wohnen, „es soll ja ein Übergangsstadium sein“. Wer sich für betreutes Einzelwohnen oder einen Platz in einer der therapeutischen Wohngemeinschaften interessiert, muss sich bewerben und seinen Lebenslauf einreichen. „In einem Vorstellungsgespräch“, erläutert Annette Münzing, „fragen wir auch nach, wie es zu der Krise gekommen ist“. Aufnehmen kann die Caritas-Einrichtung die Menschen, die ihren Wohnsitz in Nürnberg haben.


Alltagsbewältigung

Mit einem Betreuungsvertrag werden dann Umfang und Dauer der Betreuung vereinbart. „Für uns ist wichtig, dass wir individuell auf die Menschen eingehen.“ Diese Maxime schlägt sich im Betreuungsschlüssel nieder. „Ich betreue eine Frau, die ist blind, mit ihr habe ich täglichen Kontakt“, berichtet Frau Münzing. Meist werden ein bis zwei Termine oder zwei bis drei Treffen in der Woche festgeschrieben.

In der Regel beraten die Caritas-Mitarbeiter in ihren Büroräumen in der Schwanhäußerstraße 9. Sie suchen ihre Klienten aber auch in der Wohnung auf, schauen, ob sie mit dem Haushalt zurechtkommen. „Wenn wir wenigstens einmal in der Woche Kontakt haben, besteht die Möglichkeit, dass wir Stressfakoren erkennen oder Tendenzen der Verwahrlosung wahrnehmen und rechtzeitig eingreifen können“, erklärt die Sozialpädagogin. In Krisensituationen versuchen die Caritas-Mitarbeiter mit einer intensiven Betreuung einen erneuten Klinikaufenthalt ihrer Klienten zu verhindern. Viele der Caritas-Klienten im Alter von 20 bis 50 Jahren haben Klinikerfahrung, die wenigsten sind auf dem ersten Arbeitsmarkt integriert. Die Sozialpädagogen unterstützen daher auch bei der Arbeitssuche.

„Wir arbeiten lösungsorientiert“, erläutert Annette Münzing, „Oft sind wir Mädchen für alles“. Es geht um Alltagsbewältigung, um lebenspraktisches Training: Wie gestalte und strukturiere ich meinen Tag, wenn ich arbeitslos bin oder keinen Platz in einer beschützenden Werkstatt habe, wie verhalte ich mich in Konfliktsituationen mit den Eltern? Das sind Fragen, mit denen die Mitarbeiter des Caritas-Dienstes täglich konfrontiert sind.

Klienten, die das betreute Einzelwohnen in Anspruch nehmen, müssen sich verpflichten, an einem Gruppenangebot der Caritas-Einrichtung teilzunehmen. Für Mitglieder der therapeutischen Wohngemeinschaften gibt es regelmäßig stattfindende WG-Sitzungen.

Das Anfang 2001 gestartete „Nürnberger Bündnis gegen Depression“ habe viel bewirkt, bilanziert Weckwerth. Das Forschungsprojekt habe ein Bewusstsein geschaffen für die Lage psychisch Kranker, ein Netz unter Kliniken, Ärzten, Fachdiensten und Beratungsstellen geknüpft und neue Selbsthilfegruppen ins Leben gerufen. Das Bündnis gehört zum „Kompetenznetz Depression“, das vom Bundesforschungsministerium gefördert wird.

Die Zusammenarbeit von Fachdiensten hat sich im Bereich Betreutes Wohnen bewährt. Die Kliniken in Nürnberg, Erlangen und Ansbach, niedergelassene Ärzte, gesetzliche Betreuer und Beratungsstellen vermitteln psychisch kranke Menschen an die Caritas-Einrichtung.

Kontakt: Betreutes Wohnen für Menschen mit einer psychischen Erkrankung des Caritasverbands Nürnberg, Schwanhäuserstr. 9, 90408 Nürnberg, Tel. (0911) 33 33 99, Fax (0911) 366 83 76.

Ingrid Petersen

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