Pressemitteilung vom 26. November 2001

Beim Fachgespräch in Fürth waren sich Caritas und Arbeitsamt einig: „Subventionierte Arbeit muss sein“

Die dauerhafte finanzielle Absicherung von Beschäftigungsprojekten forderte Diözesan-Caritasdirektor Bernhard Simon und zog damit seine Quintessenz aus dem Fachgespräch über „Veränderungen in der Arbeitswelt“, das auf Einladung katholischer und evangelischer Verbände und Werke im Fürther Haus der Diakonie stattfand. In diesem Anliegen war sich Simon einig mit dem Vertreter des Landesarbeitsamtes, Dr. Günther Schauenberg.

In der Arbeitslosenstatistik verbergen sich drei Gruppen von Arbeitslosen, legte Schauenberg dar. Ein Drittel der Arbeitslosen habe im Übergang von einer Anstellung zur nächsten vorübergehend keine Beschäftigung. Eine weiteres Drittel nannte Schauenberg „keine eigentlichen Arbeitslosen, sondern vom Gesetzgeber zu Arbeitslosen gemacht“. Dazu gehörten etwa ältere Arbeitnehmer, die der Arbeitgeber mit einer Abfindung vorzeitig in den Ruhestand schicke.

Das Hauptproblem verursacht den Arbeitsämtern, so Schauenberg, das letzte Drittel der schwer vermittelbaren Arbeitslosen. Bei ihnen sei die Gefahr der Langzeitarbeitslosigkeit und damit auch der Ausgrenzung groß. Trotz diverser staatlicher Maßnahmen, diese Klientel durch gezielte Förderung wie Bewerbungstrainings oder Eingliederungsvereinbarungen in Arbeit zu bringen, hat Schauenberg für sie wenig Hoffnung, denn solche Maßnahmen sprächen nur die Qualifizierteren dieser Gruppe an.

Als eigentliches Hindernis für einen Abbau der Arbeitslosigkeit sieht der Abteilungsleiter im Landesarbeitsamt, der dort für Arbeitsberatung, -vermittlung und Berufsberatung zuständig ist, im Strukturwandel auf dem Arbeitsmarkt. Ihn prägten „Megatrends“ wie technologische Revolution in Computer- und Biotechnik und fortschreitende Individualisierung, will heißen: weg vom Fließband hin zur ganzheitlichen Tätigkeit des Einzelnen, die man mitunter zu Hause erledigt. Deutschland wandle sich zum „Denkpool“, während die Produktion in billigere Entwicklungsländer abwandere. In neuen Berufen, die durchaus entständen, seien vom Arbeitnehmer Kreativität, fachübergreifende Kompetenz, Wille zur Weiterbildung, EDV-Kenntnisse und Teamarbeit gefragt. „Beste Chancen“ habe zur Zeit, „wer andere ausbilden kann“.

Die Folge: Wem es an intellektuellen und sozialen Fähigkeiten mangelt, bleibt auf der Strecke. Un- und Angelernte finden immer weniger Jobs. „Das eigentliche Problem ist: Die Anforderungen der Wirtschaft und die Struktur der Menschen fallen auseinander.“

Was Schauenberg eher abstrakt formulierte, bestätigte Friederike Süß aus ihrer praktischen Beratungstätigkeit bei der ifa. Diese ökumenische Beratungsstelle für Arbeitslose, die katholischerseits vom Caritasverband für Stadt und Landkreis Fürth getragen wird, frequentieren rund 400 schwer vermittelbare Langzeitarbeitslose. Etwa die Hälfte von ihnen hat laut Friederike Süß keine Berufsausbildung. Bei anderen liege die Ausbildung so lange zurück, dass „ihr Beruf ausstirbt“.

Karl-Friedrich Müller-Lotter vom Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft berichtete aus seiner eigenen Erfahrung als Unternehmer, dass es im Handel durchaus noch Tätigkeiten gebe, „die sich seit 30 Jahren nicht geändert haben und für die man noch selbst anlernen kann“. Vielen Arbeitssuchenden seien sie aber zu schlecht bezahlt. Hans-Stefan Schuber, Gesamtpersonalratsvorsitzender der Stadt Fürth, gab zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zu bedenken: „Die Arbeitszeitverkürzung darf nicht vergessen werden.“

Der Vertreter des Arbeitsmarkt glaubt aber nicht, dass man der Arbeitslosigkeit mit traditionellen Instrumenten Herr werden kann: „Wir brauchen eine Alternative: subventionierte Arbeit für Fähigkeiten, die nicht nachgefragt sind, da sie nicht wirtschaftlich zu finanzieren sind.“ Zusätzlich müsse es Formen der Beschäftigung für Menschen geben, die selbst zu solchen Tätigkeiten nicht in der Lage sind. Schauenberg zog hier einen Vergleich zur Beschäftigungstherapie für behinderte Menschen. Allerdings müsse die Gesellschaft und nicht die Arbeitslosenversicherung für solche Beschäftigungsformen zahlen: „steuerfinanziert“.

Darauf eingehend verlangte Diözesan-Caritasdirektor Bernhard Simon den klaren Willen, einen zweiten Arbeitsmarkt einzurichten. Die „Crux vieler Beschäftigungsprojekte“ sei, dass sie nur eine Anschubfinanzierung erhielten und sich dann selber tragen sollten. „Das funktioniert nicht“, urteilte Simon und forderte: „Wir müssen bestimmte Bereiche der Beschäftigung ständig finanziell unterstützen.“

Seit 1994 vermittelt, wie Friederike Süß erwähnt, ifa Langzeitarbeitslose in Beschäftigungsprojekte, die ein Verein organisiert. Dass sogar mehr möglich ist beweist der von Simon geführte Diözesan-Caritasverband in seinen Alten- und Pflegeheimen. Von der Stadt Bamberg mit einem Lohnkostenzuschuss von 80 Prozent gefördert, arbeiten dort seit Juli fünf Sozialhilfeempfänger ein Jahr lang als Pflegehilfskraft. Ihre Chancen, ein festes Arbeitsverhältnis zu bekommen, stehen gut, werden in der Pflege doch händeringend Arbeitskräfte gesucht.

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