Pressemitteilung vom 6. April 2001

Die Pfarreien sind gefordert
Tagung der Diözesanverbände Bamberg und Würzburg suchte Wege „Im Irrgarten der Psychiatrie 2001“

Die Reform der psychiatrischen Versorgung hat erreicht, dass die zentralistische Versorgung psychisch Kranker in großen Anstalten weitgehend aufgegeben wurde. Eine Expertenkommission der Bundesregierung stellte bereits 1989 fest, dass viele ambulante Einrichtungen neu entstanden sind. Diese Entwicklung wirft aber auch neue Fragen auf: nach der Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Einrichtungen und nach der Rolle der Pfarreien. Beides war Thema bei einer Tagung, welche die Diözesan-Caritasverbände Bamberg und Würzburg im Nürnberger Caritas-Pirckheimer-Haus veranstalteten.

Dass die Pfarreien ihren diakonischen Auftrag an psychisch Kranken erkennen, forderte der Hauptredner der Tagung, Dr. Hanns Philippzen. Trotz ambulanter Beratungsdienste und spezieller Therapie- und Rehabilitationsangebote falle den Kirchengemeinden die Aufgabe zu, diesen chronisch kranken und behinderten Menschen Hilfe zum Leben zu geben. Hier sei der Ort, um psychisch Kranke in den Alltag einzubinden und ihnen bei Wohnen, Arbeit und Freizeit den Kontakt mit psychisch Gesunden zu ermöglichen. „ich halte nichts davon, wenn Behinderte ihre eigenen Sportvereine gründen,“ sagte der ehemalige Chefarzt für klinische Psychiatrie am St. Joseph-Hospital in Bad Driburg.

Um die Pfarreien für psychisch Kranke zu öffnen, bedürfe es ehrenamtlichen Engagements. Philippzen regte an, Gast- und Bezugsfamilien für psychisch Behinderte zu finden sowie Gruppen für Angehörige zu bilden. Caritas und Diakonie wies Philippzen die Aufgabe zu, den Kirchengemeinden ihre Verantwortung für diesen Personenkreis bewusst zu machen. Psychisch Kranke seien Teil der Gemeinde, betonte er und fragte: „Warum kommen sie dann im Gottesdienst nicht vor – weder als Teilnehmer noch als Thema?“

Gelungene Kooperation

Auf die Hilfe der „Professionellen“ wird man gleichwohl nicht verzichten können. Hier aber kommt es auf eine gute Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Einrichtungsarten an. Als gelungenes Beispiel stellte ein Workshop die Kooperation zwischen dem Don-Bosco-Haus in Hersbruck und der Frankenalb-Klinik Engelthal vor.

Am Anfang standen Vorurteile, berichtete Michael Schulbert, der Leiter des Don-Bosco-Hauses. Immer wenn ein Bewohner aus dem Langzeitwohnheim für psychisch Kranke und Behinderte wegen einer akuten Krise in die Bezirksfachklinik gebracht werden musste, habe man sich beschuldigt gefühlt, die psychisch Kranken zu überfordern und dadurch die Krise provoziert zu haben. Auch sah sich das Personal des Heims nicht ernst genommen, wenn es den Ärzten Hinweise zum Umgang mit dem einzelnen Patienten gab. „Wir haben zu wenig über dieses Heim gewusst“, räumte umgekehrt Otmar Reichenbacher, der stellvertretende ärztliche Direktor der Klinik, ein. Verständigungsprobleme werfe auch der unterschiedliche Fachjargon von Medizinern und Sozialpädagogen auf.

Vor zwei Jahren ging man daran, die Probleme in den Griff zu bekommen. Auch – wie Reichenbach erzählte - auf Drängen von Angela Henke hin, der Vorsitzenden des Caritasverbandes im Landkreis Nürnberger Land, der Träger des Don-Bosco-Hauses ist. Man gründete einen zehnköpfigen Arbeitskreis, der die Qualität der Zusammenarbeit zwischen den beiden Einrichtungen verbessern sollte.

Was inzwischen erreicht wurde, präsentierten Beteiligte im Workshop. So wurden Übergabebögen eingeführt. Muss ein Hausbewohner – z.B. wegen eines Ausbruchs seiner Psychose oder wegen eines Selbstmordversuchs – in die Klinik, werden etwa die Vorgeschichte dieser Krise, sozialtherapeutische Maßnahmen des Heims und Lebensgewohnheiten des Kranken beschrieben. Umgekehrt notieren die Ärzte bei der Entlassung des Patienten, was mit ihm in der Klinik unternommen wurde und wie er sich verhalten hat. Dadurch wird die gegenseitige Information gesichert. Die Klinik hat zudem einen Arzt benannt, über den alle Aufnahmen laufen.

Außerdem hat in der Klinik, berichtete Reichenbach, ein Umdenken stattgefunden: Der Aufenthalt im Krankenhaus soll kurz gehalten werden. Damit komme man auch dem Heim entgegen, das den Platz für einen Bewohner nur 60 Tage freihalten darf. Auch wurde die Möglichkeit zu vorbeugenden Klinikaufenthalten geschaffen.

Ermöglicht wurde ferner, dass das Personal der einen Einrichtung in der anderen hospitiert. Das Don-Bosco-Haus plant, so Michael Schubert, neueingestellte Mitarbeiter zu einer Hospitanz in der Klinik zu verpflichten.

Am Ende des Workshops formulierte Schubert die Grundeinsicht, die die gute Zusammenarbeit zwischen Heim und Klinik ermöglicht hat: „Wir haben versucht, uns nicht mehr als Institution zu sehen und Interessen der Institution zu vertreten, sondern den Menschen, den psychisch Kranken, in den Mittelpunkt zu stellen.“

Zu der Tagung „Im Irrgarten der Psychiatrie 2001“ kamen rund 200 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Wohlfahrtsverbänden, kommunalen Einrichtungen, Bezirken und Angehörigenvereinen. Musikalisch begrüßt wurden sie von der Orffgruppe des Wohnheims für Menschen mit geistigen Behinderungen in Gremsdorf. In den Nachmittag stimmte ein kurzes Theaterstück der Gruppe Thevo aus Nürnberg ein. Erstmals hatten die Diözesan-Caritasverbände Bamberg und Würzburg gemeinsam eine Psychiatrie-Fachtagung ausgerichtet.

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