Pressemitteilung vom 9. Juli 2000

Sorge um die gesellschaftliche Akzeptanz behinderter Menschen
Tagung zur pränatalen Diagnostik

"Die Gefährdung des Lebens beginnt in den Köpfen", brachte Diözesan-Caritasdirektor Bernhard Simon die Bedenken auf den Punkt, die Referenten und Teilnehmer bei der Tagung "Pränatale Diagnostik – Anfang vom Ende?" am 8. Juli 2000 im Bamberger Freizeitwerk St. Heinrich vorbrachten. Die vom Diözesan-Caritasverband als Beitrag zur "Woche für das Leben" ausgerichtete Veranstaltung durchzog die Sorge, dass die vermehrten Möglichkeiten, Erkrankungen eines Kindes bereits vor der Geburt zu erkennen, zur gesellschaftlichen Ächtung von behinderten Menschen und ihrer Eltern sowie zu einer Selektion zwischen "wertem" und "unwertem" Leben führen könnten.

Dr. Michael Brackertz, Facharzt für medizinische Genetik mit Praxis in Bamberg, berichtete von einem Trend zur flächendeckenden Untersuchung aller Ungeborenen und zur Suche nach kleinsten Auffälligkeiten im Erbgut. So werden allen Müttern ab 35 Jahren eine pränatale Diagnostik angeraten. Die Pflicht des Arztes, dieses Angebot zu machen, sei gesetzlich verankert; bei Unterlassung könne der Mediziner zu Schadenersatz verurteilt werden.

Anna-Elisabeth Thieser, Leiterin der Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen beim Sozialdienst katholischer Frauen in Würzburg, beklagte, dass werdende Mütter erst in die Beratung kämen, wenn eine Behinderung festgestellt sei und die Frage nach einer Abtreibung auftauche. Nach Wegfall der embryopathischen Indikation als eigenständigem Grund für eine Abtreibung gäbe es in diesen Fällen ohnehin keine Pflichtberatung mehr. Thieser forderte eine stärkere Vernetzung von medizinischer und psychosozialer Beratung. Anzustreben sei, Männer und Frauen schon vor Eintritt einer Schwangerschaft auf die Fragen vorzubereiten, vor die eine vorgeburtliche Diagnose werdende Eltern stelle.

Der Moraltheologe Dr. Georg Beirer betonte, dass sich die ethische Bewertung der vorgeburtlichen Untersuchung aus dem verfolgten Ziel ergebe. So könne sie Eltern unnötige Ängste nehmen. In der Tat seien die Abtreibungen, die auf bloßen Verdacht einer Erkrankung des Ungeborenen hin erfolgten, in den letzten Jahren um drei Viertel zurückgegangen.

Beirer warnte zugleich vor einem Automatismus, dass jede festgestellte Behinderung zum Schwangerschaftsabbruch führe. Die pränatale Diagnostik wecke den vermeintlichen Anspruch auf ein gesundes Kind. Zugleich sähen sich Eltern unter Druck gesetzt, dass ein behindertes Kind die Gesellschaft – auch finanziell – unnötig belaste, da es nicht hätte zur Welt kommen müssen.

"Lebensqualität ist zu einem gefährdeten Wert geworden", sagte Beirer. Man dürfe nicht den Biologen und Genetikern überlassen, festzulegen, was "lebenswert" sei. Beirer widersprach der von Tagungsteilnehmern geäußerten Befürchtung, die medizinische Entwicklung habe die Gesellschaft längst überrollt: "Wir können uns und anderen Menschen klarmachen, dass Behinderung kein unglückliches, sondern anderes Leben ist, das wie jedes Leben glücken kann."

Gegen die Auffassung, ein behindertes Kind sei nicht zumutbar, wandte sich Dr. Dieter Havla aus Lauf, Arzt und Vater einer Tochter mit Down-Syndrom (Mongoloismus). Behinderte entwickelten oft Fähigkeiten z.B. im emotionalen Bereich, die den Nichtbehinderten abhanden gekommen seien.

Elisabeth Klinger, Leiterin der Frühförderstelle des Diözesan-Caritasverbandes in Lichtenfels, bestätigte Havlas Hinweis auf die vielfältigen Möglichkeiten, behinderte Kinder rechtzeitig zu fördern und auf das Alltagsleben vorzubereiten.

Wie die Begegnung mit Behinderten das Leben Nichtbehinderter bereichern kann, zeigte die Orff-Gruppe des Wohnheims für Erwachsene mit einer geistigen Behinderung der Barmherzigen Brüder in Gremsdorf, die die Tagung musikalisch umrahmte.

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